Ein Bericht von Heike Endemann – Mitglied von sculpture network
Im August 2011 reiste ich vom Bodensee als Artist-in-Residence ins Bernheim Arboretum nach Clermont, Kentucky. Meine sechste Residency, aber die erste Residency, bei der ich die Kettensäge nicht im Gepäck hatte: Arboretum bedeutet nicht nur "Baumsammlung", sondern praktischer Weise auch eine Sammlung von Baumpflegern und die haben immer: Kettensägen.
Jede meiner bisherigen Residencies hatte ihre Vorteile – Nachteile wenige, und wenn, dann entpuppten sie sich nach einiger Kontemplation als Vorteile bzw. wurden dazu gemacht.
Meine erste Residency, in Koli, Nordkarelien, Finnland (www.pktaidetoimikunta.net): Zwei schneereiche Wintermonate mit Internetzugang im einzigen Supermarkt, bei dem ich mich mit den Ortsjugendlichen (2) um den Platz am Computer rangelte. Der regelmäßige Schneefall erzog zur Ordnung – liegen/stehen gelassene Baumstämme, Werkzeuge, Schlitten waren nach einer Nacht unter freiem Himmel unauffindbar. In Neuchtel, französischsprachige Schweiz (www.visarte.ch): Die Wohnung/Atelier mitten in der Stadt mit Blick auf den See war einmalig – und für die Arbeit mit der Kettensäge völlig ungeeignet. Ich war gezwungen, einen Sägeplatz außerhalb der Stadt zu finden – und traf so den besten Schweizer Förster, der mich nun schon einige Jahre mit fantastischem Holz versorgt. In Kristiansand, Südnorwegen (www.agderkunst.no): Eine Wohnung mit Atelier im historischen Stadtteil – der Versuch, eine elektrische Kettensäge im Hinterhof zu betreiben, führte zuverlässig zu Stromausfall, so dass ich einen Sägeplatz außerhalb suchte und oberhalb des Industriehafens fand. (Die beiden anderen Residencies, in der Schweiz und in Deutschland, waren kurz – wie es auch dieser Text sein sollte, daher dazu keine Details.)
Residencies geben mir die Gelegenheit, raus aus dem Künstler-"Alltag" in eine neue Umgebung einzutauchen, meist verbunden mit der Notwendigkeit, eine Fremdsprache zu nutzen oder die nötigsten Worte zu erlernen (Kettensäge / Kette / Benzin / Schnittwunde (nur 1x, auf finnisch)). Das mühsam erlernte Vokabular verschwindet dann schnell wieder aus meinem Wortschatz (nur das norwegische Billedhugger (Bildhauer) hat sich dauerhaft in mein Gedächtnis geheftet). Die Eindrücke, die Erlebnisse und die erstellten Skulpturen aber bleiben dauerhaft.
Ich treffe gern andere Künstler während meiner Residencies– entweder in ihren Ateliers oder an meinem temporären Arbeitsplatz. Bei der Hälfte meiner bisherigen Residencies hatte ich sehr engagierte Künstlerkoordinatoren, die die Künstler vor Ort schon vor meiner Ankunft informiert hatten, so begannen die Residencies mit einem Mittagessen/Abendessen/einer Vorstellungsrunde mit den örtlichen Künstlern und ich hatte von Anfang an Kontakt zur Kunstszene, wurde zu Ausstellungen eingeladen, ins Atelier, oder zu einem Gespräch bei einem Bier/Apéro, sogar in die Sauna oder zum Eisfischen. Manchmal lag es in meiner Hand, die Kontakte zu knüpfen. Da ich hartnäckig sein kann, gelingt auch das - es dauert nur etwas länger. Es kam sogar vor, bei abgelegener Residency und ohne Internetzugang, dass ich örtliche Künstler erst in den letzten Wochen meines Aufenthaltes kennen lernte.
Bei all meinen Residencies war es meine Aufgabe, mich vor Ort um mein Rohmaterial zu kümmern, meist hatte ich Erfolg, wenn ich die Telefonnummer für einen Förster in den Händen hatte. (In Finnland war es erstaunlich schwierig, Holz zu bekommen – Kolin Ryynänen liegt in einem Nationalpark; in Norwegen habe ich keinen Förster finden können – der meiste Wald ist Privatbesitz – aber da hat eine Keramikerin ihre Holzvorräte mit mir geteilt.) Die Sägeplätze sind meist improvisiert und draussen: neben einer Sauna, oberhalb eines Hafens, in einem Hinterhof, zwischen Mähmaschinen. Auch das für mich eine wichtige Erfahrung bei den Residencies: Aus den Umständen das Beste rausholen.
Ausstellungen: Einige meiner Residencies beinhalteten eine Ausstellung mit vor Ort erstellten Arbeiten – in meinem Fall nicht immer gut, da ich leicht in die Falle gerate, genügend Arbeiten für eine Ausstellung erstellen zu müssen und mich auf "Bewährtes" stütze, statt die Zeit wie geplant zu nutzen, Neues zu erarbeiten. Ist keine Ausstellung geplant, hatte ich aber auch gute Erfahrungen damit, mich selbst um Ausstellungsmöglichkeiten zu kümmern – die örtlichen Künstler sind dabei meist hilfreich. Meine Erfahrung ist es, dass es als Artist-in-Residence, der nur einen begrenzten Zeitraum "vor Ort" ist, es deutlich einfacher ist, Ausstellungsmöglichkeiten zu bekommen als in der Heimat – man ist keine Konkurrenz für die örtlichen Künstler, die Neugier und die Freundlichkeit gegenüber Besuchern ist ein nicht zu unterschätzender Faktor.
Bewerbung: Meine Residencies habe ich durch Einladung (2x) und Bewerbungen (4x) erhalten. Und bei den Bewerbungen war nicht immer die erste erfolgreich.
Finanzierung: Bei allen meinen Residencies hatte ich freie Unterkunft plus freien Sägeplatz, bei zweien war ein (kleines) Stipendium enthalten, bei den Reisekosten hatte ich mich unabhängig um Stipendien bemüht. Beim Bernheim-Arboretum kommt zu dem Stipendium die Nutzung eines Autos (einschließlich Benzin), Telefon und die Nutzung aller Werkzeuge – dazu ein enorm hilfsbereites und gutes Team, das Skulpturen unkompliziert aufstellt, Podeste anmalt, Ausstellungen beschildert.
Das Bernheim Arboretum bietet seit 1980 ein bis zwei Residencies pro Jahr. Die meisten Künstler waren Fotografen und Maler, einige Landart-Künstler. Für Bildhauer, die mit Holz arbeiten ist es hier – perfekt. Daher hatte ich mich seit 2003 fast jährlich um das Arboretum bemüht. Auch in einem Arboretum müssen Bäume aus Sicherheitsgründen gefällt werden oder fallen unsicher von selber um, dazu ein 14-ha-Wald der rein wissenschaftlichen Zwecken dient und dementsprechend "unaufgeräumt" ist. Dazu die sehr freundlichen und hilfsbereiten etwa 50 Angestellten und unzähligen Freiwilligen, eine Hütte auf dem Arboretum-Gelände nahe bei einem kleinen See, den man sich nur mir Fröschen und (Schnapp-)Schildkröten teilt.
In Arboretum und Wald finden sich 32 Meilen Wanderwege, Aussichtstürme – und viele Veranstaltungen (botanische Führungen, astronomische Führungen...), die Angestellten finden oft Zeit für Fach-Führungen durch das Gelände – kurz – für mich ist es der optimale Ort, meine Kunst und und meine Seele zu pflegen.
Die Nachbarn sind wenige – eine Bourbon Distillery, eine Kirche, beide stellen die Aktivitäten abends ein, wie das Arboretum-Gelände, so dass die Künstlerin sich nachts das Gelände nur mit Zikaden, Murmeltiere, Rehen, Streifenhörnchen etc. teilt. Die Künstler-Hütte ist Internet- und TV-frei, so dass der Aufenthalt für mich genau das ist, was ich suche: Zeit für Kunst. Und neue Erfahrungen. Dazu Holzarten, die ich noch nie in den Händen geschweige denn unter der Säge hatte. Jeder Stamm ein Experiment!
Alle Orte meiner bisherigen Residencies habe ich nach der Zeit dort nochmal besucht – auch auf den Weg nach Kentucky werde ich mich nochmals machen.
Heike Endemann
z.Z. Bernheim-Arbortum, Clermont, Kentucky








