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Dezember 2009

Bildhauer Alfred Hrdlicka gestorben

?Kunst ist Arbeit? ? Zum Tod des österreichischen Bildhauers Alfred Hrdlicka

Am 5. Dezember 2009 starb der österreichische Bildhauer Alfred Hrdlicka mit 81 Jahren in seiner Wohnung in der Wiener Dorotheergasse ? ganz in der Nähe seines langjährigen Galeristen Ernst Hilger und seines Stammcafés, des legendären ?Hawelka?. Auf dem Albertinaplatz, nur ein paar hundert Meter von Hrdlickas Wohnung entfernt, steht sein wohl wichtigstes und berühmtestes Denkmal: das 1988 enthüllte ?Mahnmal gegen Krieg und Faschismus?. Hier befand sich vormals der ?Philipp-Hof?, ein prächtiges Wohnhaus, das 1945 durch einen Bombenangriff zerstört wurde und hunderte Menschen unter sich begrub. Das begehbare Mahnmal besteht aus mehreren großformatigen Skulpturen aus Granit und Marmor mit einem knienden, die Straße schrubbenden Juden aus Bronze in der Mitte, der an die Entwürdigung und Erniedrigung der jüdischen Bürger von Wien erinnern soll. Das Mahnmal erregte die Gemüter all jener, die nicht an die Rolle der ÖsterreicherInnen während des Nationalsozialismus erinnert werden wollten. Andere meinten, dass eine solche Provokation nicht im historischen Zentrum der Stadt stehen dürfe. Auch von jüdischer Seite kam Kritik: Die rechte Seite des ?Tors der Gewalt? hatte Hrdlicka ?allen Opfern des Krieges? gewidmet und unter anderem einen gefallenen Wehrmachtssoldaten mit Kübelhelm aus dem Granit gehauen. Die israelitische Kultusgemeinde setzte daraufhin ein Mahnmal ausschließlich für die jüdischen Opfer durch, das 2000 am Judenplatz eröffnet wurde.

 

?Alle Macht in der Kunst geht vom Fleisch aus? ? so lautete Hrdlickas ästhetisches Credo, und so zeigte er in seiner provokativen Kunst das Leibliche und Grausame des menschlichen Daseins. In der 2008 eröffneten Ausstellung ?Religion, Fleisch und Macht? im Wiener Dommuseum löste eine Radierung Hrdlickas -  seine Version des ?Letzten Abendmahls? ? einen Skandal aus, was dazu führte, dass Kardinal Schönborn das Bild abhängen ließ. Ablehnung und Kritik war Hrdlicka gewohnt: Schon 1967 rief sein ?Karl-Renner-Denkmal? im Wiener Rathauspark eine ?Liga gegen entartete Kunst? auf den Plan. Auch im Ausland machte er seinem Ruf als Bürgerschreck alle Ehre: so etwa mit seinem 1983 bis 1986 geschaffenen Gegendenkmal zum Kriegerdenkmal am Hamburger Dammtor.

 

Alfred Hrdlicka wütete als Künstler Zeit seines Lebens gegen Gewalt, Tod und immer wieder gegen Krieg und Faschismus. Als Sohn eines Kommunisten und Gewerkschaftsfunktionärs hat er schon als Fünfjähriger Flugblätter im Wiener Arbeiterbezirk Floridsdorf ausgetragen. Der Idee des Kommunismus blieb er bis zu seinem Tod verbunden, auch wenn er 1956 aus Protest gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in Ungarn aus der Partei ausgetreten ist.

 

Während des Zweiten Weltkrieges versteckte sich Hrdlicka unter anderem bei einem befreundeten Zahntechniker, wo er in den letzten Kriegsjahren eine Lehre absolvierte. Von 1946 bis 1952 studierte Alfred Hrdlicka Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Wien und von 1953 bis 1957 Bildhauerei bei Fritz Wotruba. Im Gegensatz zu Wotruba hielt er wenig von der abstrakten Kunst, die er für ?blutleer? hielt. Hrdlicka entwickelte seinen eigenen figurativ expressiven Stil und blieb dem Realismus verpflichtet. Die Bezeichnung ?proletarischer Künstler? empfand er als Ehre: ?Kunst ist Arbeit? wurde er nimmer müde zu betonen. 1964 feierte Hrdlicka seinen ersten internationalen Erfolg, als er Österreich auf der 32. Biennale in Venedig vertrat. 1966 bezog der Künstler ein prächtiges Atelier im Prater, das letzte noch erhaltene Gebäude der Wiener Weltausstellung von 1873. In den späten 1960er und frühen 1970er Jahren entwickelte sich dort ein Zentrum für hitzige Kunst- und Politdebatten für Österreichs Intellektuelle.

 

Von 1971 bis 1989 lehrte Hrdlicka an mehreren deutschen Kunsthochschulen (Stuttgart,  Hamburg und Berlin) und ab 1989 in Wien. Seine rege Lehrtätigkeit veranlasste ihn einmal zur Aussage, dass er wohl ?überberufen? sei.

 

Die letzten zwanzig Jahre seines Lebens verbrachte Hrdlicka hauptsächlich in Wien. Er litt immer mehr darunter, dass seine kaputte Bandscheibe den Kampf gegen die monströsen Steine nicht mehr zuließ: ?Ich habe mich zu Tode geschuftet,? sagte er lakonisch. Seine Streitlust und kreative Kraft haben ihn aber nicht verlassen. Er verlegte sich aufs Zeichnen und den Bau von Bühnenbildern, die nicht weniger Aufsehen erregten als seine Skulpturen, wie etwa der ?Ring des Nibelungen? mit Christine Mielitz am Theater Meiningen im Jahr 2001.

 

So sanft und zart wie eine Turteltaube, wie die deutsche Übersetzung seines tschechischen Namens lautet, war der Künstler nie ? weder mit Materialen noch mit Themen. Hrdlicka war ein ?sensibler Berserker?. Neben raffinierten Zeichnungen und fein ziselierten Radierungen steht seine monumentale, ja fast möchte man sagen brachiale bildhauerische Arbeit.

 

Mit Alfred Hrdlickas Tod geht eine Epoche der österreichischen Bildhauerei zu Ende, die ihre Impulse noch aus der Vorkriegszeit erhalten hat. Das Maßvolle war seine Sache nicht: In seinem Stammcafé, dem ?Hawelka?, hat Hrdlicka sich keinen ?Kleinen Braunen? oder ?Großen Braunen?, sondern stets einen ?Gewaltigen? bestellt.  Die Welt ist um einen gewaltigen Künstler ärmer.

 

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