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Dezember 2009

?Kunst für Millionen ? 100 Skulpturen der Mao-Zeit in der Schirn Kunsthalle Frankfurt (D)

HOF FÜR DIE PACHTEINNAHME, 1974?1978 (Original 1965), DIE ERPRESSTE PACH (Detail), Fiberglas, Ausstellungsansicht Shanghai Art Museum, 2009, Foto: Norbert Miguletz für Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2009, © und Courtesy of Art Museum of the Sichuan Fine Arts Institute

 

Erstmals in Europa, erstmals im Westen überhaupt zeigt die Schirn Kunsthalle die legendäre chinesische Skulpturengruppe ?Hof für die Pachteinnahme?. 1965, also im unmittelbaren Vorfeld der chinesischen Kulturrevolution entstanden, zählt das aus über 100 lebensgroßen Figuren bestehende Ensemble zu den herausragenden und prominentesten Werken der modernen chinesischen Kunst und ist fest im kollektiven Gedächtnis Chinas verankert.

 

1965 von Lehrern und Absolventen der Kunstakademie Sichuan als ortsspezifische Installation in Dayi geschaffen, wurde die Figurengruppe bald zu einem Musterkunstwerk der ab 1966 eingeleiteten Kulturrevolution erklärt. In den folgenden Jahren wurden mehrere Varianten davon angefertigt und überall im Land ausgestellt. Die in der Schirn gezeigte Gruppe ? sie wurde 1974?1978 mit hohem Aufwand als mobile Reisefassung aus verkupfertem Fiberglas realisiert und befindet sich heute im Kunstmuseum der Kunstakademie Sichuan in der zentralchinesischen Stadt Chongqing ? ist als einzige erhalten geblieben. In einer dramatischen Szenenfolge, die traditionelle chinesische, sowjetische und westliche Stilelemente zusammenführt, stellt das Figurenensemble die erbarmungslose Ausbeutung der Landbevölkerung durch einen reichen Grundbesitzer der vorkommunistischen Ära dar. Mit dem Ende der Kulturrevolution weitgehend in Vergessenheit geraten, wurde das Werk in den letzten Jahren wiederholt von jungen chinesischen Künstlern aufgegriffen und fand Eingang in die aktuellen Diskussionen zur zeitgenössischen Kunst in China.

 

Der Hof für die Pachteinnahme ist ein einzigartiges Ensemble aus insgesamt 114 lebensgroßen Trockenlehmskulpturen. Es entstand 1965 als ortsspezifische Installation in dem zur Gedenkstätte umgewandelten ehemaligen Anwesen des berüchtigten Feudalherrn Liu Wencai (1881?1949) im Landkreis Dayi in der chinesischen Provinz Sichuan. Lehrer und Absolventen der Bildhauerklasse der Kunstakademie Sichuan in Chongqing waren über das Kultusministerium der Provinz beauftragt worden, in Dayi ein repräsentatives Werk zu schaffen, das an die Ausbeutung der Pachtbauern durch den ortsansässigen Grundbesitzer in der Zeit vor der Machtübernahme durch die Kommunistische Partei 1949 erinnern sollte. In Zusammenarbeit mit lokalen Volkskünstlern entwickelte die Arbeitsgruppe innerhalb von wenigen Monaten eine monumentale narrative Komposition. Sie schildert in sieben, zum Teil auf überlieferte Ereignisse zurückgehenden Szenen wie Den Pachtzins abliefern, Zuviel verlangt und Flammen des Zorns die Situation der Landbevölkerung zur Zeit der chinesischen Republik (1911?1949). Müde, geschundene Bauern schleppen Säcke voller Getreide heran oder flehen verzweifelt um eine Stundung ihrer Pacht, die zu zahlen sie nicht in der Lage sind, während die betrügerischen Handlanger des Grundbesitzers auf brutale Weise die Pacht eintreiben, Familien auseinander-reißen und Einzelne hinter Gitter sperren. Die Darstellung endet mit dem wütenden Aufbegehren der Bauern als Hinweis auf ihre Bereitschaft zum Klassenkampf.

 

Die weitreichende Erfolgsgeschichte des Werks ist untrennbar verbunden mit dem Beginn der chinesischen Kulturrevolution im Frühjahr 1966, als sich das politische und kulturelle Klima im Land schlagartig radikalisierte. Auf Betreiben von Mao Zedongs Ehefrau Jiang Qing, die in das neu gegründete Zentralkomitee der Kulturrevolution berufen und mit der direkten Kontrolle über die Kultur betraut worden war, wurde der Hof für die Pachteinnahme zu einem verbindlichen Musterkunstwerk erklärt, an dem sich bildende Künstler orientieren sollten.

 

Mittels reich illustrierter Kataloge, die in zahlreichen Sprachen und sogar im Westen publiziert wurden, erregte das Werk auch außerhalb Chinas früh Aufmerksamkeit. Nicht zuletzt in Deutschland: Dort wurde es im Kontext der 68er-Bewegung als herausragendes Beispiel für eine authentische revolutionäre Kunst rezipiert.

Immer wieder gab es Bemühungen, das Werk auch im Westen auszustellen. So versuchte 1972 Harald Szeemann als Kurator der documenta 5, eines der Figurensets nach Kassel zu holen, um es dem internationalen Kunstpublikum zu präsentieren. Dies war jedoch aus politischen und finanziellen Gründen nicht möglich. 1999 plante er gemeinsam mit dem in den USA lebenden chinesischen Künstler Cai Guo-Qiang, die Skulpturengruppe auf der Biennale von Venedig zu zeigen. Als dies ebenso misslang, realisierte Cai stattdessen eine auf den Hof für die Pachteinnahme rekurrierende Arbeit, mit der er den Goldenen Löwen gewann.

 

 

Die Ausstellung ?Kunst für Millionen. 100 Skulpturen der Mao-Zeit? richtet das Augenmerk auf eine Periode der chinesischen Kunst, die innerhalb wie auch außerhalb Chinas bislang kaum kritisch aufgearbeitet worden ist. Die visuelle Kultur der Mao-Zeit ? und insbesondere die Periode der chinesischen Kulturrevolution ? ist aber nicht nur für die Entwicklung der chinesischen Kultur im 20. Jahrhundert, sondern auch für das Verständnis der zeitgenössischen chinesischen Kunst in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzen. In diesem Sinne möchte die Ausstellung anhand eines herausragenden Werks ? und dessen bewegter und bewegender Geschichte von 1965 bis heute ? die Diskussion eröffnen und einen Beitrag zur Erforschung dieser weitgehend unbearbeiteten Thematik leisten.

 

Zur Ausstellung ist ein hervorragender, informativer Katalog erschienen, der die spannende Entstehungsgeschichte der Figurengruppe umfassend beschreibt:

 

?Kunst für Millionen. 100 Skulpturen der Mao-Zeit ? Art for the Millions. 100 Sculptures

from the Mao Era? Herausgegeben von Esther Schlicht und Max Hollein. Mit einem Vorwort von

Max Hollein und Texten von Feng Bin, Christof Büttner, Martina Köppel-Yang, Esther Schlicht und einem Gespräch mit Reiner Kallhardt. Deutsch-englische Ausgabe, 200 Seiten, 150 Abbildungen, Hirmer Verlag, München 2009, ISBN 978-3-7774-2231-2, Preis 27,80 ? (Schirn) bzw. 37,50 ? (Buchhandel)

 

Die Ausstellung läuft vom 24. September 2009 bis 3. Januar 2010

 

SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, Römerberg, D-60311 Frankfurt

Öffnungszeiten: Di, Fr - So 11 ? 19 Uhr/ Mi + Do 10 - 22 Uhr/ Montag geschlossen

 

http://www.schirn.de

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