Im Rathaus von Ljubljana fand in diesem September die jährliche Ausstellung mit Werken slowenischer Bildhauer statt, die wieder von unserem Mitglied Zavoda za kiparstvo organisiert wurde, der Slowenischen Bildhauervereinigung. Kuratiert wurde sie von Bo?tjan Drinovec und Miha Colner.
Die Ausstellung erfolgt in einer Zeit, in der Skulptur immer schwieriger zu definieren ist: die künstlerische Sprache geht mehr und mehr in Richtung »Objektkunst« und die klassische Form bestimmt nicht mehr den Werkprozess. Der »Zeitgeist« und die Kunstwerke orientieren sich immer stärker an konzeptuellen Ausdrucksformen, Botschaften und Statements,die heutzutage die größte Bedeutung haben.
Die diesjährige Ausstellung möchte beide Richtungen zeigen und fokussiert auf den Gedanken, dass jeder Bürger Sloweniens nun auch Bürger der Europäischen Union geworden ist. Dabei wird auf das ?Allgemeinwohl? abgezielt, das im Mittelpunkt des politischen und kulturellen Diskurses der letzten Jahre stand. Das Vereinte Europa basiert auf den Werten der Demokratie, der Menschenrechte und der Sozialpolitik, aber die Realität der Situation und der Einstellung der Menschen ist ganz anders. Die ?Festung Europa? ist hermetisch abgeriegelt und unzugänglich für Menschen mit einem ?falschen? Pass und die wachsende Sicherheitsphobie sorgt für immer mehr Überwachung unseres Lebens.
All das führt natürlich zu zahlreichen Reaktionen der Künstler, die schon immer sozial- und gesellschaftskritisch eingestellt waren. Es ist daher in diesem Jahr sehr interessant zu sehen, mit welcher Vielfalt von formalen und konzeptionellen Ansätzen die Künstler eine Reihe von Themen aufgegriffen haben, die den Geist des zeitgenössischen Europa ausmachen. Dabei drücken die Mehrzahl der Werke Skepsis aus gegen einen dogmatischen Eurozentrismus, gegen die Demokratie und den Freien Markt, andere beschäftigen sich mit der Glorifizierung ohne kritische Distanz. Die formalen Lösungen der Künstler sind äußerst unterschiedlich und man kann sie daher nicht systematisieren, jedoch kann man einige Linien der präsentierten Konzepte aufzeigen.
Eine Gruppe von Künstlern behandelt den Freien Markt und thematisiert die Probleme von Massenproduktion und illegaler Migration: Lara Badurina benutzt billige Vasen, die aus China importiert sind, die sie aber zerschlagen und dann nach den Prinzipien einer fachgerechten Museumsrestaurierung wieder zusammengesetzt hat. Jernej Mali beschäftigt sich mit illegaler Einwanderung und legalem Güterhandel, dargestellt anhand einer hyperrealistischen Skulptur eines Frachtcontainers, der mit Plastikschlangen gefüllt ist.
Ein anderer Weg ist das starke ökologische Bedenken, dass mit der ?trashy? Installation ?Vorher ? Nachher? von Marjeta Ba?a ausgedrückt wird und in dem dreiteiligen Projekt von Alen O?bolt, der die Aufmerksamkeit auf die Menge des Mülls lenkt, den jeder von uns produziert. Visionen von Recyclingmaterial werden von Marko Kova?i? aufgeworfen mit seiner engagierten Installation ?Arbeitsplatz?, die den Wert heutiger Arbeit untersucht. Sehr direkt behandelt Bo?tjan Kav?i? das Problem sozialer (Un)Gerechtigkeit mit seinem Projekt ?Perspektiven der Armut?: auf einem dreidimensionalen Relief einer Euro-Münze zeigt er Menschen in wirklicher Armut. In die gleiche Richtung der zunehmenden Verarmung und Manipulation der Bürger zielt auch Bojana Kri?anec`s Skulptur mit dem Titel ?Notre Dame?, die Carla Bruni als das Klischee zeitgenössischen Populismusses zeigt.
Primo? Pugelj präsentiert mit seiner monumentalen Metallskulptur ?John Donne? ein mehr neutrales Bild omnipräsenter Dualität moderner Menschen. Vollkommen andere Lösungen formaler und konzeptioneller Ansprüche zeigt ?tefanija Ko?ir Petri? mit zeitgemäßer Material- und Oberflächenbehandlung, die entweder die positive Hoffnung Europäischer Werte ausdrückt oder verdeckt deren Zynismus.
Die Übersicht zeigt eine große Vielfalt künstlerischer Ansätze, Materialien und Konzepte, von verschiedenen Installationen, über Raumkonzepte bis hin zu virtuos modellierten Objekten. Angesichts der schlechten Produktionsmöglichkeiten für Skulpturen muss man feststellen, dass zumeist kleinere Werke gezeigt werden und nur wenige Großprojekte.
Doch das Projekt des Gastteilnehmers Gregor Kregar, in Slowenien geboren und nun in Neuseeland lebend, ist zweifellos als ?monumental? anzusehen. Seine großformatige Installation ?Dwelling for Noordung? ist speziell für den Platz vor dem Rathaus in der Altstadt von Ljubljana geschaffen worden und dort korrespondiert sie hervorragend mit dem Barock-Denkmal von Francesco Robba aus der Mitte des 18ten Jahrhundert. ?Dwelling for Noordung? spielt mit seiner genau kalkulierten metaphysischen Konstruktion mit unserer Wahrnehmung und seine Form besteht aus einer Unmenge von Spiegelbildern der Umgebung. Es ist eine vollkommen abstrakte Form und eine utopische, fliessende Masse, die Tausende von Ansichten und Interpretationen bietet. Die Reflexionen der spiegelartigen Oberflächen verändern die Umgebung in eine komplett verwandelte kubistische Form, in der sich Architektur mit dem Himmel vermischt und die gepflasterte Strasse mit den Wolken.
Der Bau und die Materialien der Skulptur sind sehr interessant: sie ist konstruiert aus unzähligen Lasergeschnittenen und gekrümmten Platten, die in einer präzise definierten Folge zusammengesetzt sind, so dass man schließlich genaue dreieckige Oberflächen sieht, die die Form der Skulptur definieren. Statt historische Fertigkeit in Lehm zu zeigen, präsentiert sich der Künstler hier als Ingenieur, der seine bildhauerischen Fertigkeiten mit modernem Wissen und Technologie verbindet.
Außerdem hat Gregor Kregar mit dem in Berlin lebenden zeitgenössischen Komponisten Christian Biegai zusammengearbeitet, so daß ?Dwelling for Noordung? ein außergewöhnliches sinnliches Experiment darstellt. Mit seiner assoziativen Form mag die Skulptur die Verbindungen zwischen Atomen, Körperzellen oder den Mikrostrukturen symbolisieren. Diese Monumentalskulptur rundet das positive Bild der lokalen Bildhauerszene ab und zeigt zugleich die Unmöglichkeit auf, dort grössere Skulpturen zu schaffen. Und das ist das wirklich entscheidende Problem der Slowenischen Bildhauerei.
Autor: Miha Colner, BA Art History. Curator and Art Critic, Photon Gallery, Ljubljana
Übersetzung: Bernd Stieghorst
2. - 23. September 2009, Ljubljana, Town Hall
Selectors and Curators: Bo?tjan Drinovec, Miha Colner
Organisation: Slovenian Sculpture Association http://www.kiparstvo-zavod.si
(Den englischen Originaltext finden Sie hier...)
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November 2009








