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Oktober 2009

?Weltenmachen? - die 53. Kunstbiennale von Venedig

Lygia Pape ?Ttéia I?, 2002, Installation, quadratisch angeordnete Goldfäden, © Foto: Haupt & Binder

 

Überschwenglich sind die Kritiken nicht, die der gebürtige Schwede und heutige Rektor der Städelschule in Frankfurt Daniel Birnbaum, als Künstlerischer Leiter der Biennale erntete: ?Venedig ist schön, und die Kunst gibt sich Mühe ? mehr nicht? titelte Kunstzeitung-Herausgeber Karlheinz Schmid und die NZZ nannte es eine ?Gemeindebibliothek?. Man vermißt den großen Wurf, den roten Faden und die Passion, die z.B. die Ausstellungen des legendären Harald Szeemann ausmachten.

 

Es ist eine austarierte Schau mit Arbeiten von rund 100 Künstlern, verteilt auf die Räume im Arsenale und im ehemals italienischen Pavillon der Giardini. Im Arsenale hat sie aber einen furiosen Auftakt: man betritt zuerst eine dunkle Halle, die durch eine raumhohe Installation mit quadratisch angeordneten, illuminierten Goldfäden eine mystische Ruhe ausstrahlt. Die Installation ist eine Hommage an die brasilianische Künstlerin Lygia Pape (1927 ? 2004) und verwandelt den Raum in einen geometrischen Kosmos. Diesem kontemplativen Auftakt wird im nächsten Raum mit gleißendem Licht das Spiegelkabinett des italienischen Alt-Meisters Michelangelo Pistoletto entgegengesetzt. Bei der Eröffnung hat er medienwirksam und eigenhändig 20 Spiegel der 22 Barock-Spiegel umfassenden Arbeit zertrümmert. Wegen der vielen Sprünge und Spiegelscherben erhält daher der Betrachter nur ein gebrochenes Bild des eigenen Ichs.

 

Natürlich kann man seine Entdeckungen machen ? man muss danach suchen und seine eigenen Linien und Pfade legen. Dies ist vor allem in den 77 Länder-Pavillon möglich, in denen das Motto der Biennale weiterentwickelt wird. Grandios sind da z.B. die in jahrtausendferne Jahre datierten Szenarien von Pavel Pepperstein im russischen Pavillon oder das absurd im Wasser dümpelnde Häuschen von Mike Bouchet. Auch werden vergessene Namen und wegweisende Installationen wiederentdeckt (André Cadere oder Blinky Palermo)

 

Umrahmt wird die Biennale wieder von einer Anzahl hochkarätiger Zusatzausstellungen, die als die eigentlichen Glanzlichter der diesjährigen Biennale strahlen: natürlich hat Francois Pinault die  Chance genutzt und passend zur Vernissage sein ? neben dem Palazzo Grassi ? zweites Museum eröffnet, die ?Punta della Dogana?. Das alte Zollhaus liegt prominent auf der Landspitze der Mündung des Canal Grande, direkt gegenüber dem Marcusplatz. Nach einem Deal mit Venedigs Bürgermeister Massimo Cacciari hat der Kunstsammler das Gebäude übernommen und vom Star-Architekten Tadao Ando für seine Zwecke umbauen lassen. Mit der ersten Ausstellung ?Mapping the studio? ? der Titel entstammt aus der berühmten Arbeit von Bruce Naumann ? beweist Pinault sicheres Gespür, denn der US-Pavillon mit Naumans ?Topological Gardens? gewann den Goldenen Löwen der Biennale.

 

Die eigentliche Entdeckung in Venedig ist aber eine grandiose ?Schule des Sehens?, eine Ausstellung, die mehrere Jahrtausende umfasst. Im Palazzo Fortuny, vom Luxusstoffhändler und Gesamtkunstwerker Mariano Fortuny (1871 ? 1949)gestiftet und seit Jahren als Wohnmuseum mit einer opulenten Sammlung bestückt, ist die Ausstellung ?In-Finitum? zu bestaunen. Der geniale wie umstrittene belgische Antiquitätenhändler Axel Vervoordt inszeniert in den eklektisch eingerichteten Palasträumen eine grandiose Mischung aus Kunstwerken, Artefakten aus der ganzen Welt, historischen Dokumenten und sogar kitschigen Gebrauchsgegenständen. Wie in einer riesigen Wunderkammer und mit einer meisterlichen Dramaturgie hat Vervoordt ein einzigartiges Gesamtkunstwerk geschaffen, das unterschiedlichste Werke in einen geistigen und formalen Zusammenhang setzt. So steht man z.B. staunend vor dem Sarkopharg eines altägypischen Iris, der von Skulpturen von Picasso und Giacometti umrahmt wird oder tritt aus den barock verdunkelten Gemächern in ein von James Turrell mit wechselndem Licht bespieltes Kabinett - in diesem Gesamtkunstwerk kann man sein Auge schulen.

 

 

53. Biennale von Venedig ? noch bis zum 22. November 2009

www.labiennale.org

 

 

?In-Finitum?, Palazzo Fortuny, San Beneto ? noch bis zum 16. November 2009

www.museiciviciveneziani.it

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