Das österreichische Künstler-Duo Christoph Steinbrener und Rainer Dempf ist bekannt für ihre meist hintersinnigen, witzigen und manchmal skurrilen Installationen und Aktionen. Ob sie in der Jesuitenkirche in Wien einen Astronauten auf einem Deckenfresko schweben lassen (?Jesuitenkosmos?) oder auf Bahnhöfen fiktive Verkaufsbüros der NASA errichten (?Ticket to the Moon) ? stets schaffen sie unerwartete Konfrontationen einer fiktiven Welt mit der realen Umgebung.
In diesem Sommer hatten sie sich von Juni bis Oktober den Wiener Tiergarten Schönbrunn ausgesucht und dort in verschiedenen Tiergehegen sechs Interventionen geschaffen, die sich der künstlerischen Methode des Ready-made bedienen. Ein versunkenes Autowrack bei den Nashörnern, Eisenbahnschienen im Bisongehege oder ein Giftfass im Aquarium stellen Störsignale in unseren Erwartungen einer heilen Natur und idyllischen Tierwelt dar und konfrontieren den Betrachter mit der fortschreitenden Zerstörung natürlicher Lebensräume durch den Menschen.
Das Ready-made bietet die Möglichkeit, durch die Konfrontation von Natur und Zivilisation einen Kontextwandel herbeizuführen: Die Ausgangsmaterialien - hier: Originalschauplätze - werden von ihrer ursprünglichen Funktion befreit und können somit neue Konnotationen annehmen. Eine solche Verzerrung von Wirklichkeitsebenen entspricht dem Versuch, die Problematik der Naturinszenierung jenseits von wissenschaftlicher Argumentation und Objektivität zu thematisieren. Sie kann so überraschende Perspektivenwechsel auslösen, aber auch als Tabubruch empfunden werden.
Heutige Konzeptionen von Tiergärten versuchen in erster Linie, Tiere in idyllischer, von Zivilisation unberührter, vermeintlich natürlicher Umgebung zu zeigen. Diese Form der Präsentation ist jedoch eine neuzeitliche. Noch bis ins frühe 20. Jahrhundert wurden die Tiere in eine möglichst sensationelle und exotische Inszenierung eingebaut, die das Publikum unterhalten und in Erstaunen versetzen sollte. Hierbei stand das Artifizielle, Aufsehenerregende im Vordergrund, nicht etwa eine realitätsnahe Wiedergabe des natürlichen Lebensraumes der Tiere.
Nun droht die Darstellung der natürlichen Lebensräume ebenfalls an der Realität vorbeizugehen, da diese zunehmend durch den Menschen gefährdet und verändert werden.
Mit dem Tiergarten Schönbrunn, einer der beliebtesten touristischen Attraktionen Österreichs, wurde ein idealer Partner für die Umsetzung und Präsentation der Installationen gewonnen, der das Interesse an den umwelt- und gesellschaftspolitischen Fragestellungen der Künstler teilt.
Nun liegt eine ausführliche, zweisprachige Publikation vor, die dieses aussergewöhnliche Projekt mit vielen Bildern dokumentiert, erklärt und eine Reihe von grundsätzlichen Überlegungen aufzeigt.
TROUBLE IN PARADISE, Hrsg. von Christoph Steinbrener, Rainer Dempf und Bernhard Kellner. Mit Textbeiträgen von Dorothée Bauerle-Willert, Bernhard Kellner und Ernst Strouhal, ausführlichen Gesprächen mit Steinbrener/Dempf und Dagmar Schratter, Direktorin des Tiergarten Schönbrunn, sowie zahlreichen Fotos der Skulpturen und deren Entstehung. orange-press, Freiburg; Deutsch/ Englisch, 21 x 27 cm, ISBN 978-3-936086-46-1, ? 20,- (D) | ? 20,60 (A) | SFr 34,50 (CH)
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Oktober 2009








