Die Macht der Kunst

Mediadaten 2017

Download PDF

Newsletter abonnieren

sculpture network veröffentlicht monatlich einen Newsletter auf deutsch und englisch.
Er informiert zu laufenden Veranstaltungen und Ausstellungen zur zeitgenössischen Skulptur in Europa und zu den Veranstaltungsreihen von sculpture network.

Newsletter abonnieren

Sollten Sie eine Auflage verpasst haben können Sie hier nachlesen.

Rückblick auf die 55. Biennale von Venedig 2013

Marino Auriti, Encyclopedic Palace of the World, ca 1950
Rückblick auf die 55. Biennale von Venedig 2013

Von Anne Berk

Es gibt so viel zu erzählen über den Enzyklopädischen Palast, kuratiert von Massimiliano Gioni (Italien, 1973) und die Ausstellungen in den umliegenden Pavillons. Ich habe eine Auswahl aus den mehr als 150 Künstlern getroffen und mich auf Kunstwerke konzentriert, die sich auf unser Leben auswirken.

Gioni beginnt damit, das architektonische Modell des Enzyklopädischen Palastes der Welt zu präsentieren, das in den fünfziger Jahren von dem Amateur Marino Auriti (1895, Italien - 1980, USA) sorgfältig konzipiert wurde. Dieses imaginäre Museum soll das gesamte menschliche Wissen beherbergen, vom Rad bis zum Satelliten, von antiken Artefakten bis zur Avantgardekunst. Aber um dieses Museum der Museen zu realisieren, bräuchte man ein Gebäude von 700 Metern Höhe, ein Unterfangen das zum Scheitern verurteilt ist.

Im Gegenzug erschafft Gioni seinen eigenen „Enzyklopädischen Palast der Kunst“ und unternimmt den Versuch die vielen Möglichkeiten der weltweiten Kunstproduktion dazustellen. Seit Anbeginn der Geschichte und in allen Kulturen haben Menschen versucht, die Vielfältigkeit der Welt, in Objekten und Ideen zu erfassen. Gioni ist von diesem Drang fasziniert. Mit einem anthropologischen Ansatz zeigt er zeitgenössische Kunst, sowie Amateurkunst, Outsider Art und religiöse Gegenstände.

Wir Menschen produzieren Kunst, um uns selbst und unsere flüchtige Existenz in der Welt zu begreifen, auf der Suche nach dem Sinn - wenn es denn einen gibt.

Interessanterweise wird das Wort „comprehend“ (deutsch: begreifen) von „comprehendere“ (lateinisch für verstehen) und „hend“ von „Hand“ abgeleitet. Der dialektische Prozess der Suche, des Gestaltens und des Reflektierens über den Körper, den man erschaffen hat, ist ein Weg die Welt wahrzunehmen; ein Versuch, sich und die Welt um uns herum zu verstehen. Dies ist oft ein intuitiver Prozess, die Künstler unter Ihnen werden das wissen.

Yuri Ancarani, Da Vinci, 2012, Part of Trilogy

Nicht so viel wie wir gerne glauben. Natürlich haben wir unsere Einblicke mit der Erfindung von immer neuen technischen Geräten verbessert, wie Yuri Ancarani (Italien, 1972) uns mit seinem gruseligen Video „Da Vinci", von einer Roboter-Operation, demonstriert.

Durch Miniaturkameras, die sich im Inneren des Körpers befinden, sieht man die atemberaubende Landschaft einer pochenden Bauchinnenseite, die darauf wartet von Roboterarmen durchbohrt zu werden...

Und trotz all unserer technologischen Fortschritte, tappen wir im Dunkeln. Genau wie die blinden Menschen in dem rührenden Film „Blindly" von Artur Zmijewski (Polen, 1966). Sie müssen ein Selbstporträt in Farbe malen. Wie erklärt man einem Blinden was gelb ist?

René Iché, Mask of Breton, ca 1950

„Blindly" könnte eine Metapher für die Unzulänglichkeiten in unserer Wahrnehmung der Realität sein. Um die Welt zu begreifen, müssen wir uns auf unsere Sinne verlassen, diese sind aber begrenzt. Schlangen können Infrarotstrahlen sehen, wir nicht. Wer weiß was noch alles existiert, was sich jenseits unserer Wahrnehmung der äußeren Welt befindet?

Innere Visionen

Eine weitere wichtige Arbeit in Gionis Ausstellung ist ein Gesicht mit geschlossenen Augen, das uns auffordert, über unser Innenleben nachzudenken, wodurch sich eine andere  Perspektive auf die Wirklichkeit eröffnet. Es ist ein naturgetreuer Abguss des Gesichts von André Breton (1896-1966), der Pate der surrealistischen Bewegung.

„Wir leben unter der Herrschaft der Rationalität, aber um wirklich zu wissen wer wir sind, sollten wir in der Tiefe unseres Geistes steigen“, sagte Breton zu Freud.

Mark Manders, Room with a broken sentence Working Table, 2012-13

Mark Manders (Niederlande, 1968) materialisiert gekonnt seine Gedanken in seinem „Selfportrait as a Building" (Selbstbildnis als Gebäude), das zentrale Thema in seinem Werk. Zunächst wollte Manders Schriftsteller werden, wurde stattdessen dann aber doch Bildhauer. Anstatt in Worte, übersetzt er seine Gedanken in drei dimensionale Formen, um sie „echt“ zu machen, um eine Landschaft aus seinem Geist zu erschaffen, durch die man buchstäblich hindurch gehen kann.

Unsere Psyche beeinflusst unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit und verzerrt sie manchmal auch. Shinichi Sawada (Japan, 1987) ist ein Autist, der kaum spricht, es aber dennoch versteht, sich feinsinnig in Ton auszudrücken. Er modelliert fantastische, mit Stacheln bedeckte Kreaturen.

Eva Kotátová (Tschechische Republik, 1982) untersucht die Wahrnehmung von Patienten in psychiatrischer Behandlung. Sie visualisiert ihre klaustrophobische und eindringliche Welt in der Installation „Asylum".

Pawel Althamer, Venetians, 2013

Das Leben einfangen

Masken sind ein wiederkehrendes Thema in der Ausstellung. „The Venetians" (Die Venezianer) von Pawel Althamer (Polen, 1967) sind anwesend und abwesend zugleich. Der Künstler kommt dem Leben so nah wie nur möglich, indem er Abgüsse von Gesichtern und Händen der Menschen vor Ort macht. Jung und alt, heiter oder verwelkt, man kann ihre Energie fühlen. Aber die grauen Gestalten sind eine gespenstische Erscheinung und erinnern an die Vergänglichkeit des Lebens. „Ich habe festgestellt, dass der Körper nur eine Hülle für die Seele ist“, sagt Althamer.

Der faszinierenden BBC-Dokumentation „How Art Made the World" (Wie Kunst die Welt erschaffen hat) (2005) nach, ist das älteste Artefakt das jemals gemacht wurde, ein Schädel bedeckt mit Ton (nicht in der Ausstellung). War es ein verzweifelter Versuch die Toten wieder auferstehen zu lassen?

Als Duane Hanson (USA, 1925-1996) Polyesterharz und Fiberglas entdeckte, erschuf er lebensechte Skulpturen, wie die „Bus Stop Lady" (1983). Modisch gekleidet, eine Tasche in der Hand, steht sie da und wartet auf einen Bus, der niemals kommen wird.

Gilad Ratman, The Workshop, 2013, Israel Pavillion

Gilad Ratman (Israel, 1975) versucht ebenfalls seinen Figuren Leben einzuhauchen durch eine Konstruktion, die sie sprechen lässt. Er bittet die Teilnehmer des „Workshop" sich selbst zu modellieren. Anschließend setzten sie ein Mikrofon in die Tonköpfe, um ihnen ihre Stimmen zu geben.

Viele Künstler werden von dem Wunsch getrieben, das echte Leben einzufangen, um es aus dem Fluss der Zeit zu heben und die Ewigkeit zu bewahren. Aber das Leben ist vergänglich. Der Tod erwartet uns und das Kunstwerk bleibt eine Sache. Tote Materie. Oder nicht?

Ed Atkins, The Trick Brain, 2012

Tragen Kunstobjekte Leben in sich?

Nein, sagt Ed Atkins (UK, 1982) in seinem Film „The Trick Brain" (Das Trick-Gehirn), der aus Archivaufnahmen aus André Bretons Kunstsammlung besteht. Atkins sieht Bretons Skulpturen, Masken und Bildnisse als Leichen, materielle Spuren verschwundenen Lebens.

Könnte sein, sagt Harun Farocki (Tschechische Republik, 1944). In seinem Video „Transmission" zeigt er, wie Menschen auf Gedenkstätten und heilige Objekte reagieren, sie berühren, küssen oder sich vor ihnen niederwerfen.

Berlinde De Bruyckere, Cripplewood, 2013, Belgian Pavillion

Die Macht der Bilder

Manchmal berühren mich Kunstwerke tief, wie die Installation von Berlinde De Bruyckere (Belgien, 1964). Ohne zu wissen, dass „Cripplewood" dem Märtyrer St. Sebastian, dem Schutzpatron von Venedig gewidmet ist, fühlte ich Mitleid mit diesem leidenden Wesen. Mensch oder Baum, wir müssen alle sterben - und vielleicht liegt auch darin etwas Schönes. Doch De Bruyckere tröstet uns damit, dass sie die niedergeworfenen Gliedmaßen sanft auf Kissen bettet, als wollte sie den Schmerz lindern.

Ich hielt den Atem an, als ich „Straight" von Ai Weiwei (China, 1957) sah. Mit einer Gruppe von Helfern schuf er ein beeindruckendes Denkmal für die Kinder, die während dem Erdbeben 2008 in Sichuan, China ums Leben gekommen sind. Es dauerte drei Jahre bis 150 Tonnen Betonstahl aus den eingestürzten Schulen zusammengesammelt waren. Es gibt eine Stahlstange für jedes Opfer, die in einer Art Ritual von Hand mit 200 Schlägen gerade gehämmert wurden. Das Material selbst ist mit tiefer Bedeutung aufgeladen und dient als Erinnerung an das Geschehene.

Vadim Zakharov, Danae Performance in Five Acts, 2013, Russian Pavillion.

Allerdings ist die am meisten verehrte Sache heutzutage ... Geld! In seiner faszinierenden „Performance in Five Acts" (Performance in fünf Akten) verdeutlicht Vadim Zakharov (Russland, 1959) unsere Beziehung zu Geld. Wir knien davor nieder in der Hoffnung, dass der Geldregen auf uns niedergehen wird.

Weibliche Besucher werden gebeten die niedergefallenen Münzen aufzusammeln und sie wieder in Umlauf zu bringen. Die Männer werden dazu ermahnt Narzissmus, Gier, Zynismus, Raub, Spekulation und Dummheit zu gestehen...

Zakharov kommentiert den räuberischen Kapitalismus unter dem die Welt, und Russland im Besonderen, leidet.

In „English Magic", lässt sein Kollege Jemery Deller (Großbritannien, 1966) den sozialistischen William Morris aus seinem Grab auferstehen, um die extravagante Yacht des russischen Milliardärs Abramovich zu zerstören. Eine Form von Wunschdenken, oder schwarze Magie? Glaub nur daran, dann wird es schon geschehen.

Shinichi Sawada- photo by Onishi Nobuo © photo credit Collection de l’Art Brut, Lausanne

„Menschen werden von Bildern und Skulpturen angetrieben. Sie zerstören sie, küssen sie, weinen vor ihnen, reisen zu ihnen. Sie können sie beruhigen, ihnen ein Hochgefühl geben, sie zur Auflehnung anstiften... Sie haben immer auf diese Weise reagiert; und tun es immer noch“, so David Freedberg in dem faszinierende Buch „The Power of Images, History and Theory of Response" (Chicago / London, 1989).

Kunstgegenstände sind nicht nur Dinge. Sie sind Form gewordene Gedanken und Gefühle, die Macht auf unser Denken ausüben.

Von Anne Berk Kunstkritikerin und Koordinatorin sculpture network

55. Biennale von Venedig
01.06. - 24.11 2013

www.labiennale.org

Nur für Mitglieder

Dieser Bereich ist nur für eingeloggte Mitglieder zugänglich.

Noch kein Mitglied? Hier erfahren Sie mehr.