Sculpture lives on: from modernism to globalization

Mediadaten 2017

Download PDF

Newsletter abonnieren

sculpture network veröffentlicht monatlich einen Newsletter auf deutsch und englisch.
Er informiert zu laufenden Veranstaltungen und Ausstellungen zur zeitgenössischen Skulptur in Europa und zu den Veranstaltungsreihen von sculpture network.

Newsletter abonnieren

Sollten Sie eine Auflage verpasst haben können Sie hier nachlesen.

Ein Rückblick auf das XII Internationale Forum von sculpture network

von Anne Berk

Astrid Schumachter & Tati Freeke-Suwarganda, Sonsbeek project-coordinator & bussiness director – photo by Ronald van Wieren
Ein Rückblick auf das XII Internationale Forum von sculpture network

Im 20. Jahrhundert war westliche Kunst von einem Streben nach dem Neuen geprägt, einem Glauben an die Moderne und den sozialen und ästhetischen Fortschritt. Eine neue Formensprache wurde geschaffen, die inspiriert war von nicht-westlichen Kulturen. Die Materialpalette erweiterte sich auf den Körper und die Natur, so dass sich das Konzept von Skulptur auf dreidimensionale Phänomene im Raum ausdehnte.

Statt die sichtbare Welt abzubilden, suchten Künstler nach der Essenz hinter den Dingen. Diese Reduktion führte zu abstrakter, autonomer Kunst, frei von der Aufgabe, Botschaften zu vermitteln. Und schließlich war sie nur noch eine Idee, die keiner Materialisierung mehr bedurfte.

War dies das Ende der Skulptur?

Heute ist die Skulptur gesund und munter und entwickelt sich in mannigfaltige Richtungen. Der optimistische Glaube an den Fortschritt und eine lineare Entwicklung der Gesellschaft und Kunst wich einer bescheideneren, zyklischen Denkweise. Statt von moderner Kunst sprechen wir von zeitgenössischer Kunst. 'Neu’ ist keine Voraussetzung mehr.

Anne Berk

„In der vorangegangenen Periode ging es darum, das ABC der Kunst zu formulieren. Heute müssen wir Worte formen, eine neue visuelle Sprache finden, die die komplexe Welt beschreibt, in der wir leben.” Tony Cragg (1990)

Das XII. Internationale Forum von sculpture network fand von 3. bis 5. Oktober in den Niederlanden statt und brachte 130 Teilnehmer aus 15 Ländern zusammen, um zu netzwerken und Gedanken über Skulptur auszutauschen.

Die Sammlung des Kröller-Müller Museums war der Ausgangspunkt für die Konferenz. Sie bot den internationalen Experten, Künstlern und Teilnehmern die Gelegenheit über den Modernismus in der Skulptur des 20. Jahrhundert und die Globalisierung der Skulptur heute zu reflektieren.

Die Sammlung des Kröller-Müller Museums feiert seinen 75. Geburtstag mit einer Ausstellung von ikonischen Kunstwerken, wie „The Beginning of the World” (1924) des rumänischen Bildhauers Constantin Brancusi und „Unique Forms of Continuity in Space”, ein visionäres Bild des Menschen im Zeitalter der Technik. Der italienische Futurist Boccioni schuf es im Jahr 1913, genau vor hundert Jahren. Wo stehen wir ein Jahrhundert später?

Im turbulenten letzten Jahrhundert hat sich das Gesicht der Kunst radikal verändert. Die größte Veränderung betrifft jedoch die Rolle des Bildhauers. Statt Auftragsarbeiten auszuführen, religiöse, politische oder kommerzielle Botschaften zu visualisieren, ist der Bildhauer frei, sich selbst individuell auszudrücken, über das Leben zu reflektieren oder die visuelle Welt um ihn/sie herum neu zu ordnen. Im globalisierten 21. Jahrhundert verbreitete sich dieser individuellen Ansatz der Kunst auf der ganzen Welt.

Jaap Bremer

Formale Kunst - Kunst um der Kunst willen

Jaap Bremer
(Niederlande) beleuchtete den Modernismus und die Suche nach dem Neuen im 20. Jahrhundert. Als Kurator und stellvertretender Direktor des Kröller-Müller Museums in den 70er und 80er Jahren, erwarb er minimalistische und arte povera Arbeiten für das Kröller-Müller Museum und den Skulpturengarten.

Mit der KMM-Sammlung als Ausgangspunkt illustrierte er eine lineare Entwicklung von Rodins naturalistisch „hockender Frau” (1885) über den universalen „Anfang der Welt” (1924) seines Schülers Brancusi, die wiederum den amerikanischen Künstler Carl André inspirierte seine Skulpturen weiter zu minimieren, in eine Struktur aus Holzbalken, bis hin zu den einfachen Zeichen des in Surinam geborenen Künstlers Stanley Brouwn. Seine Zeichen erinnern den Besucher an die Spuren, die der Künstler auf dem Rasen des Skulpturengartens hinterlassen hat. Brouwn präsentierte einen philosophische Gedanken über das Sein in der Welt, welcher keine Materialisierung bedurfte.

Diese „Kunst um der Kunst willen”, wie Bremer es nannte, endete schließlich in einem Zustand der Formlosigkeit, eine Sackgasse für Bildhauer mit nur einem Ausweg. Zurück zur Form. Zurück in die Welt.

Bremers Vortrag endete mit einer der jüngsten Akquisitionen des Kröller-Müller Museums: die durchnadelten Tiger des chinesischen Künstlers Cai Guo-Qiang, welche die Globalisierung der Kunstwelt beweisen.

Judith Collins

Zeitgenössische Skulptur hat unendlich viele Möglichkeiten

Keynote speaker Judith Collins (Großbritannien) skizzierte einige Entwicklungen, die uns in die Welt der zeitgenössischen Skulptur entführten. Durch die fortlaufende Arbeit mit dem Art Council und der Hayward Gallery, bevor sie Senior Kuratorin an der Tate London wurde, konnte sie die neuesten Entwicklungen genau beobachten. Ihre Beobachtungen veröffentlichte sie in zahlreichen Ausstellungskatalogen, Büchern und ihrem Bestsellerwerk „Sculpture Today” (Phaidon, 2007).

Aus einer globalen Perspektive heraus beschreibt Collins darin das Aufblühen der zeitgenössischen Skulptur nach der Moderne, dargestellt durch die Arbeiten von mehr als 300 Bildhauern seit den siebziger Jahren. "Nach dem Ende der Malerei hatte die dreidimensionale Kunst mehr Herausforderungen zu bieten. Skulptur hat unendlich viele Möglichkeiten und entwickelt sich in mehrere Richtungen."

In „Sculpture Today” konzentrierte sich Collins auf fünf Themen: Die menschliche Figur, die Natur, die Akkumulation und das Recycling, das  traditionelle Handwerk und Denkmäler.

Die menschliche Figur ist von zentraler Bedeutung für narrative Kunst. Collins beginnt mit „Feeling Material” (2003) von Antony Gormley (Großbritannien), in welcher sich spiralförmige Linien mit ihrer Umgebung verflechten. Die meisten Figuren stammen aus Abgüssen von Gormleys eigenem Körper (die seine Frau sanft mit einer Rasierklinge entfernt, wie Collins erwähnt). Inspiriert von der buddhistischen Vipassana Meditation, lädt Gormley den Betrachter ein, sich der unsichtbaren Energie bewusst zu werden, die über die Grenzen unseres Körpers hinausgeht: „Wir sind eins mit der Natur”, sagt Gormley. Pawel Althamer (Polen) schuf verwundbare Porträts von seiner Frau und sich selbst aus Stroh und Leder, die dem Verfall geweiht sind. Wie wir. Während sich das ikonische „Selbst” (1991) von Marc Quinn (Großbritannien) mit dem Thema Tod auseinandersetzt. Es zeigt den fleischlosen Kopf des Künstlers, der stattdessen aus gefrorenem Blut besteht. Alle fünf Jahre kommt ein weiteres Selbstporträt hinzu, als Zeuge seines alternden Körpers.

Die enge Verbindung von Kleidung und Architektur mit dem Körper ist ein beliebtes konzeptionelles Format, um menschliches Verhalten und soziale Probleme zu hinterfragen. Lucy Orta (Großbritannien) entwickelte „Refuge Wear”: Transportable Architektur, die Obdachlose, die auf der Straße leben, vor dem Wetter schützen soll. Die palästinensisch-amerikanische Emily Jacir schuf ein Denkmal für 418 palästinensische Dörfer, die 1948 von Israel zerstört wurden. Palästinensische und israelische Menschen kamen zusammen, um die Namen der Dörfer auf ein Flüchtlingszelt zu sticken (2001).

Thukral & Tagra, Now in your Neighborhood, 2008

Die Natur wird bei Tania Kovats (Großbritannien) und Zhang Wang (China) thematisiert. Sie reproduzierten wunderliche Felsen in gehämmertem, glitzerndem Edelstahl. Traditionell wurden diese „Steine der Weisen” gerne in chinesischen Gärten aufgestellt, um die Natur eingehend zu betrachten. „Aber die Welt hat sich verändert, das gilt heute als veraltet. Deshalb habe ich natürliche Steingärten in industriell hergestellte Formen verwandelt”, sagt Wang.

Tatsächlich leben die meisten Menschen heute in einer vollkommen künstlichen Umgebung, die eine Fülle von ausrangierten Materialien zum recyceln bietet, entweder als Kommentar oder als eine Form des Spiels. Tom Friedman (USA) sammelte tausende von Zahnstochern und steckte sie sorgfältig zu einem schwingenden Stern zusammen. Die humorvolle „Miss Understood & Mr Meanor” (1997) von Tim Noble und Sue Webster (Großbritannien) ist ein zusammengesetzter Haufen von Abfallmaterialien, der, wenn man ihn richtig beleuchtet, die Schattenprofile der Künstler erkennen lässt.


Und Vorsicht vor „Your friendly neighbourhood Dinosaur!” Dieser pinke Dinosaurier aus zerquetschten Flaschen von Jiten Thukral & Sumir Tagra wird durch Ihr tägliches Leben stapfen. Als indische Version der Pop-Art üben Thukral & Tagra eine unbeschwerte Kritik an der Globalisierung der Konsumkultur, die heutzutage die indische Gesellschaft erobert hat.

Darüber hinaus gibt es ein wiedererwachendes Interesse an traditionellem Handwerk, zum Beispiel die abstrakten Textil-Improvisationen von Alexandra Bircken (Deutschland), aber auch an den neuen Möglichkeiten, die der Computer bietet. Die faszinierenden, komplexen und pulsierenden Formen von Tony Cragg (Großbritannien) sind das Ergebnis einer glücklichen Vereinigung zwischen dem Handgemachten - der physischen Wechselwirkung mit der Materie - und der Computertechnik, die sie menschlich macht. Abgesehen vom Reflektieren über gesellschaftliche Entwicklungen, gibt es auch eine Kategorie von Künstlern, die nur spielen wollen - wie Michel Landy (Großbritannien) - und ihre Phantasie nutzen wie Laura Ford (Großbritannien), was seine eigenen Reize hat.

Riyas Komu

Ich möchte meine Zeit kommentieren

Riyas Komu (1971, Indien) ist Künstler und Mitbegründer  und künstlerischer Leiter der Kochi-Muziris Biennale, der ersten Kunstbiennale Indiens.

In seinen Videos, Gemälden und Installationen adressiert er das menschliche Verhalten und politische Themen, die er sowohl in neuen Medien als auch in traditionell indischer Handwerkskunst umsetzt. Komus Vater besaß eine Streichholzfabrik. Er war immer von dem Geruch von Holz umgeben und arbeitet heute mit recyceltem Teakholz, in Zusammenarbeit mit indischen Schnitzern. In diesem Sinne ist er ein lokaler Künstler. „Wieso sollte man 5000 Jahre Kultur ignorieren?”

„Watching the Other World Spirits from the Gardens of Babylon” (2007) besteht aus einer Armada von Schädeln mit schön geschnitzten Gehirnen, die auf einem hölzernen Wagen montiert sind. Eine Antwort auf das Blutvergießen, das durch den amerikanischen Einmarsch im Irak verursacht wurde. Es könnte aber auch als ein universelles Bild der Kriegsmaschine gesehen werden.

Spezifischer ist „Beyond Gods” (Jenseits der Götter) für das Centre Pompidou in Paris, 2011. Die geschnitzten, muskulösen Beine der Französischen Fußballnationalmannschaft werden von einem riesigen Balken mit dem Text „Allahu Akbar” (Gott ist groß) geschleppt. Drei der Spieler haben statt eines Fußballs einen Kopf zwischen ihren Füßen.

Für Komu, ein fanatischer Fußballspieler, der jeden Morgen spielt, spiegelt das Spielfeld das Machtspiel in der Welt wider. Obwohl der multikulturelle Charakter heutiger Fußballmannschaften den Nationalismus relativiert, werden sie von religiösen Streitigkeiten gehemmt; dies führte angeblich zum Untergang des Fußballstars Zidane.

Riyas Komu, Beyond gods, 2011.

Als Muslim, der im säkularen, kommunistischen Staat Kerala lebt, schätzt Komu die religiöse Toleranz dieses südlichen Teils von Indien. Aber zu seinem Bedauern polarisiert Religion. Während seines Studiums in Bombay erlebt Komu die Unruhen und das Blutvergießen nach dem Angriff auf die Babri Moschee im Jahr 1992, was einen nachhaltigen Einfluss auf ihn hatte.

"In den frühen 90er Jahren verließ ich Kerala um nach Bombay zu gehen. Bombay stand an der Schwelle zur Liberalisierung und kämpfte mit einem wachsenden Unterbau an gesellschaftlichen Lastern, religiöser Bigotterie, Schweigen über Ausgegrenzte und die soziale Ungerechtigkeiten einer schnell wachsenden Wirtschaft mit einem fragmentierten kulturelle Gefüge. Ich habe dort die ‚Archivierung von Zeit’ als eine Art des Widerstands empfunden."

Komu ist stolz auf seine Herkunft. Mit seiner Lage am Meer hat Kerala immer schon verschiedene Kulturen vereint, was von den teilnehmenden Künstlern der ersten Kochi-Muziris Biennale im Jahr 2012 erforscht wurde. Die internationale Biennale war lokal eingebettet, „Das ist meine Biennale” und zog über 400.000 Besucher an.

Eylem Aladogan

Hör auf deine Seele

Eylem Aladogan (1975, Niederlande) vereint handwerkliches Geschick mit moderner Technik. Während ihre Bildmotive aus maurischer Architektur, Krieg, Biologie und der Kultur der nordamerikanischen Indianer abgeleitet werden, sind ihre Ideen von ihrem persönlichen Leben inspiriert: sie sieht in ihre Seele. Ihre Installationen bieten einen symbolischen Raum für Erfahrungen und visualisieren die psychologischen Herausforderungen von einer Reise ins Ungewisse.

„Meine Arbeit stellt einen Versuch dar, das Unkontrollierbare kontrollierbar zu machen. Wenn man den Drang verspürt in seinem Leben etwas zu verändern, muss man sich immer zu allererst mit seinen eigenen Ängsten  auseinandersetzten. Mich faszinieren die emotionalen und psychologischen Prozesse, die dieses Bestreben begleiten, sie dienen als mein Ausgangspunkt.”

Aladogan wuchs als Tochter von türkisch-kurdischen Immigranten in der Provinzstadt Tiel auf, weit weg von der Welt der Kunst. Aber von Kindheit an liebte sie das Zeichnen. Künstlerin zu werden, war nicht selbstverständlich.

Eylem Aladogan, Before Departure, 2008 - Kröller-Müller Museum - photo Willem Vermaase

Aladogan hat sich hartnäckig ihren eigenen Weg gesucht und ist psychologisch an ihre Grenzen gegangen, was schließlich zum wichtigsten Thema in ihrer Arbeit wurde. Zu ihrer Arbeit „Dendrogram Rooms” (2002), ein Werk mit vielschichtiger Bedeutung, wurde sie von der Schafschur inspiriert, die sie in Tasmanien erlebt hat. Sie visualisiert die Ohnmacht dieser Lebewesen, die externen Kräften ausgeliefert sind, was ihren eigenen Gemütszustand zu diesem Zeitpunkt widerspiegelte.

Aladogan liebt es, alleine Ausflüge, zum Beispiel in die Berge und Wüsten der USA zu machen. „An diesen trostlosen Orten ist man mit sich selbst konfrontiert.” Einmal fuhr sie in der Dunkelheit einen Abgrund entlang, anstatt sich in Sicherheit zu bringen, mobilisierte sie all ihre Willenskraft, um ihre Ängste zu überwinden. Eine Erfahrung, die zur Installation „Before Departure (all my changes were there)”, 2008, führte. Sie hat die Form einer Armbrust, „Du musst nach vorne gehen".

Nick Ervinck

Ich bin ein Kind des Computerezeitalters

Als Kind des Computerzeitalters ist Nick Ervinck (1981, Belgien) sowohl vertraut mit der physischen als auch mit der virtuellen Welt. Diese forderte ihn dazu heraus, das Vokabular der Skulptur zu erweitern.

„Ich interessiere mich für neue Konstruktionsprinzipien wie den Blob, der von dem Architekten Greg Lynn erfunden wurde und für Künstler wie Henry Moore oder Barbara Hepworth, die den Raum innerhalb des Objekts revolutionierten. In gewisser Weise bin ich ein virtueller Bildhauer, der organische, experimentelle oder negative Räume erschafft, die ich in die 3. Dimension übersetze.”

Nick Ervinck ist ein echter Macher mit großem Interesse an den neuesten Technologien und einem unersättlichen Appetit auf neue Formen. In diesem Sinne ist er ein Modernist.

Forum Nick Ervinck, Olnetop, 2010-2012.

Eine Form entwickelt sich aus der anderen oder wird durch die vielen Aufträge ausgelöst, die er bekommt. Bis zu seinem 14. Lebensjahr spielte Ervinck mit Lego. Dann wurde er süchtig nach Computerspielen wie „SimCity” oder „Warcraft”, in dem man der Meister seines eigenen Universums ist. Nachdem er eine Weile Architektur studiert hatte, entschied er sich für die Freiheit der Kunst, wo alles möglich ist.

Ervincks erstes computergestütztes Design, „XOBBEKOPS” (2007), eine sich ausdehnende organische Form in einem architektonischen Rahmen, wurde aus der Not geboren. Er braucht hierfür weder ein Studio noch Materialien, hat aber die Möglichkeit zu experimentieren und seine Ideen zu zeigen. Mit architektonischen Konstruktionen spielend, bestehende Formen wie Korallen, Rorschach Tintenkleckse, chinesische Felsen oder anatomische Teile verwandelnd, verbindet Ervinck Natur und Technik zu einer perfekten, parallelen Welt, für die neue Wörter erfunden werden müssen.

„IKRAUISM” (2009) ist eine Mischung aus den wundersamen Felsen, die er in einem chinesischen Garten sah und den Skulpturen von Henry Moore. Beides, sowohl das Design als auch die Form wurden Schicht für Schicht gedruckt, danach wurde die Form aufgelöst.

Mit virtuellen Designs alleine ist Ervinck aber nicht zufrieden. Er will sie greifbar machen, indem er 3D-Drucker mit arbeitsintensiver, traditioneller Handwerkstechnik kombiniert.

Heri Dono

Als Künstler ist man frei. Man arbeitet aus einer unabhängigen Position heraus. Kunst ist eine Sprache. Es ist ein Werkzeug, um die Zeit, in der ich lebe, zu reflektieren.

Heri Dono
(1960, Indonesien) ist ein Pionier der zeitgenössischen indonesischen Kunst. Er kombiniert zeitgenössische Kunst mit Elementen von Wayang Beber und Flash Gordon Comicbüchern.

Die erste Kunstakademie in Indonesien (die aktuelle ISI) wurde 1950 von Präsident Sukarno, selbst Maler und Sammler, gegründet. An der Akademie in Yogyakarta, dem kulturellen Herzen von Java, wurde Dono dazu angetrieben, Realismus, Expressionismus oder abstrakte Kunst zu wählen. Aber anstatt eine dieser westlichen ‚-ismen’ zu wählen,  lernte Dono die Kunst des Sukasman und wurde ein Meister des Wayang Schattentheater. „Wir müssen die Tradition neu erfinden und eine Kultur des Dialogs zwischen Ost und West schaffen. In unserer Kultur gibt es keine Trennung zwischen den Disziplinen. Also mache ich Gemälden, Installationen und Performances mit der lokalen Bevölkerung und den Kunsthandwerkern.”

Es war tief bewegend als Dono zu Beginn seines Vortrags anfing zu singen. Er sprach das Publikum auf einer spirituellen Ebene an. Als Kind träumte er davon ein javanischer Priester zu werden. „In meiner Kultur gibt es keinen Unterschied zwischen uns und dem Universum. Der Mikrokosmos ist ein Spiegel des Makrokosmos. Das ist der Grund, warum die traditionellen javanischen Häuser eine Treppe nach oben haben - um die Sterne zu sehen -, die dann wieder herabsteigt, zurück auf die Erde.”

Heri Dono, Political Clowns, 1999.

Dono entschied sich Künstler zu werden. Er wuchs als Sohn eines Freiheitskämpfers auf, der für die Unabhängigkeit kämpfte, Seite an Seite mit Sukarno, dem ersten Präsident von Indonesien.

Die „Political Clowns” (1999) tragen eine Maske, versuchen ihre Absichten hinter einem Lächeln zu verbergen. Ein genauer Beobachter kann auf ihrer Stirn lesen: Sex, Geld und Macht. Ein universeller Kommentar zur Politik, mit einem spezifischen indonesischen Hintergrund. Das Werk entstand 1998 nach den Reformasi, den Aufständen, die zum Rücktritt von General Suharto und zur Wiederherstellung der Demokratie geführt haben. Hat sich die Situation seitdem verbessert?

„Proklamasi”
(2007) zeigt die Generäle Suharto, Sudirman und Sukarno und steht für Soekarnos berühmten Satz: „Wir sind die indonesische Nation und erklären, dass wir frei sind.” Unterzeichnet am 17. August 1945.’ Die Generäle lachen. Sie strecken die Hände aus, um sie zu schütteln, aber verstecken Handgranaten in ihren Dinosaurierschwänzen...

In absurden Bildern verpackt ist das Grundthema seiner Arbeit das Streben nach Freiheit, für das Dono schon mehr als einmal festgenommen wurde.

Fazit: "Skulptur verändert sich, weil wir uns verändern",  Judith Collins, Sculpture Today, 2007.

Wenn man den Vorträgen dieser Kunstexperten zuhört und die Werke dieser Künstler betrachtet, zeichnet sich an der Wende zum 21. Jahrhundert eine Verschiebung von abstrakter zu narrativer Kunst ab, aus der Notwendigkeit geboren, das Leben und die Gesellschaft in der wir leben, zu reflektieren.

Die Künstler nehmen ihre eigenen Erfahrungen - die sich je nach Aufenthaltsort auf dieser Welt unterscheiden - als Ausgangspunkt. Sie wollen eine Geschichte erzählen und tun dies in einer metaphorischen, konzeptionelleren, reduktionistischeren Sprache als in der Moderne. Einige knüpfen an die figurative Tradition und Handwerkskunst der Vergangenheit an. Einige machen kritische ökologische Kunst. Andere sind offen für die Zukunft, experimentieren mit neuen Medien und digitalen Techniken.

Im Zuge des globalen Kapitalismus, der Verstädterung und dem steigenden Wohlstand hat sich die individuelle Art der Kunstproduktion geographisch ausgedehnt.

„Als Künstler bin ich frei. Ich arbeite aus einer unabhängigen Position heraus. Kunst ist eine Sprache, ein Weg um Brücken zu schaffen, wenn die Kommunikation ins Stocken gerät.” Heri Dono

Mit seinen „Flying Angels” (1996) verbreitet Dono seine Hoffnung auf Freiheit in der Welt. In Ländern wie Indonesien muss für diese Freiheit noch immer gekämpft werden. Das drängt nichtwestliche Künstler wie Dono ein politisches Thema zu wählen. Sie hoffen, die Welt mit ihrer Kunst zu verändern und in diesem Sinne gibt es eine Parallele zu modernen Künstlern am revolutionären Anfang des 20. Jahrhunderts.

Die globalen Künstler reisen durch die ganze Welt und sind über das Internet immer up to date. Sie vermischen die Kulturen, abgeleitet aus dem Welterbe der Kunst und lokalen Quellen – wie der lokale Künstler es tut. Sie verwenden die gleichen konzeptionellen Werkzeuge, um sich in einer universellen Sprache auszudrücken und leben damit den modernen Traum eines Kosmopoliten.

Kann globale Kunst jedoch von jedermann überall verstanden werden?

Am Ende des 20. Jahrhunderts sind die „großen Erzählungen” des Kommunismus und des Christentums abgestumpft und die individuelle Art der Kunstproduktion resultierte in einer Vielzahl von einzelnen Geschichten. Während die lokale Öffentlichkeit die Hintergründe wahrscheinlich kennt, braucht es für ein breiteres Publikum viel Geduld um den spezifischen Kontext zu rekonstruieren und die Botschaft des Künstler zu verstehen.

Globale Kunst ist ein internationaler Turm von Babel

Ich persönlich denke, das ist kein Problem. Immerhin geht es in der Kunst um mehr als eine Lösung für einen Rebus zu finden. Es ist nicht nur die Darstellung einer verbalen Botschaft. Skulptur hat eine eigene Sprache. Letztendlich wird es die ästhetische und emotionale Wirkung der physikalischen Formen sein, die entscheidet, was überleben wird.

Im Namen von sculpture network und allen Teilnehmern möchte ich mich bei den Referenten für ihre fantastischen Beiträgen bedanken, die uns so viel Freude und neue Erkenntnisse bereitet haben!

Anne Berk
(Niederlande), Kunstkritikerin und Leiterin des Forums 2013 von sculpture network

sculpture network, XII. Internationales Forum

Den Haag / Otterlo,Niederlande
3. – 5. Oktober 2013



Kuratorin: Anne Berk
Key note speech: Judith Collins


Referenten:
Jaap Bremer, Niederlande, ehemaliger Direktor des Kröller-Müller Museum
Defne Ayas, Türkei, Direktorin des Witte de With Centre for Contemporary Art und Direktorin Arthub Asia (Vortrag entfiel auf Grund von Krankheit kurzfristig)
Riyas Komu, Indien, Künstler und Mitbegründer der Kochi-Muziris Biennale
Eylem Aladogan, Niederlande, Künstler
Nick Ervinck, Belgien, Künstler
Heri Dono, Indonesien, Künstler

Nur für Mitglieder

Dieser Bereich ist nur für eingeloggte Mitglieder zugänglich.

Noch kein Mitglied? Hier erfahren Sie mehr.