Teaching Sculpture in Europa heute

Mediadaten 2017

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Ein Netzwerk von Individuen und Lehrplätzen

photo©Astrid Raimann
Ein Netzwerk von Individuen und Lehrplätzen

Das Programm Teaching Sculpture von sculpture network geht nun ins zweite Jahr. Im Rahmen des Programms veröffentlichten wir letztes Jahr vier Artikel mit Fragen, welche von den „sculpture educators” aus den Bereichen der Kunstakademie, privaten Kunstschulen und künstlerischen Arbeitsseminaren aus ganz Europa beantwortet wurden.

Es ist das Ziel, Menschen, die Bildhauerei in unterschiedlichen Umgebungen lehren, und ihre Herangehensweisen, Schwierigkeiten, Erfolge, Programme, Meinungen etc. miteinander zu verbinden. Somit wird das breite Spektrum an verwandten Aktivitäten und Ideen in Europa reflektiert.

Das Projekt Teaching Sculpture soll grenzüberschreitende Projekte fördern, die Einzelpersonen Unterstützung ermöglichen und eine Plattform für Ideen und Gedankenaustausch zu bieten.

Aus diesem Anlass haben wir den sculpture educators Almute Grossmann-Naef aus der Schweiz, Vinko Nino Jaeger aus Österreich und Astrid Raiman aus Deutschland die Frage gestellt:
Ist es wichtig, Kunsthandwerk an Kunstakademien zu lehren ?

Almute Grossmann-Naef

Almute Grossmann-Naef & Alex Naef
Scuola di Scultura Peccia,
Schweiz
www.scultura.ch

Das Kunsthandwerk und dessen Umsetzung regen in unserer heutigen, schnelllebigen Zeit eine kontroverse Debatte an. Unterschiedliche Meinungen werden in den Vordergrund gestellt: Für Konzeptkünstler scheint die reine Idee zu erfordern, die Umsetzung des Kunstwerks an eine Fachkraft zu übertragen. Gemäß dieser Auffassung ist diese Arbeitsteilung nur von Vorteil: Die Kenntnisse über die verwendeten Materiale ist nicht länger Teil des künstlerischen Prozesses, es wird Zeit gespart, höchst komplexe Vorgänge, die ein Künstler zuvor nicht bewältigen konnte, werden kontrollierbar.

Andererseits erleben wir derzeit einen Anstieg der öffentlichen Forderung nach „Authentizität”, die die intensive Auseinandersetzung mit dem Inhalt an sich rechtfertigt. Das Handwerk, die Ausführung und der Dilettantismus nehmen gleichgewichtige Positionen in der kontroversen Debatte um den Künstler als den eigentlichen Experte seines Faches ein. Während Künstler, Akademiker und Galeristen Kunstwerke in bester Ausführung erwarten, wird handwerkliche Qualität nicht im Arbeitsprozess selbst, sondern erst bei der Ausstellung des Werks gefordert.

Gleichzeitig werden Mahnrufe lauter, dass die Handwerkskunst über sich hinausgehen muss, dass handwerkliche Kenntnisse den kreativen Prozess sogar einschränken könnten.

Alex Naef

Ein weiterer Aspekt taucht hierbei auf: der dialektische Herstellungsprozess mit Materialien kann zu neuen und nicht zu projizierenden Dimensionen eines Kunstwerkes führen und demgemäß den Künstler dazu inspirieren, neue Formen und Strukturen zu erschaffen. Manuelle Techniken erschaffen Formen und Oberflächen, die mit technischen Mitteln gar nicht erschaffen werden können. So spielen der Zufall und die Unvollkommenheit, ebenso wie der Dilettantismus und sogar der Misserfolg Rollen in der Entstehung eines Werks.
Indem der Künstler Materialen manuell bearbeitet, kann er sich als autonom Handelnder behaupten, wodurch das anthropologische Urbild vom erschaffenden und gestaltenden Menschen auch heutzutage noch in der zeitgenössischen Skulptur erfahren werden kann.

Vinko Nino Jaeger - photo©michèle pagel,2011

Vinko Nino Jaeger
MMag.art, Vienna
, Österreich
www.vnjaeger.com

Das Handwerk ist ein fundamentaler, menschlicher Impuls. In unserem Alltag /bearbeiten wir unzählige Dinge mit der Hand. Einige der Dinge sind uns so wichtig, dass wir uns bemühen, diese gut zu machen. Deshalb üben wir beispielsweise das Kochen, um uns zu verbessern. Manche handgemachte Dinge sehen wir jedoch gar nicht als solche an, da es nicht unserer traditionellen Definition von Handwerk entspricht. Beispielsweise sehen wir im Gegensatz zum Schreiben eines Gedichts auf Papier das Tippen auf einer Tastatur zum Programieren von Linux  nicht als eine Handarbeit an. Diese Beispiele weisen ein wichtiges Charakteristikum von Handarbeit auf:

Dass etwas aus der Kombination von Idee und Hand entsteht, dass ohne den Urheber weiterhin bestehen kann, aber etwas vom Urheber - eine Idee, einen typischen Stil, einen bestimmten Geschmack - in sich trägt. Da Idee und Hand miteinander verflochten sind, müssen beide in gleichem Maße trainiert werden und der Künstler muss sich mit den Werkzeugen und Materialien auseinandersetzen, die er benutzt – besonders, wenn er will, dass die handgefertigten Dinge seine Idee wiedergibt.

Um unsere Idee mit dem geformten Material so gut wie möglich wiederzugeben, müssen wir das Material mit Hand und Verstand fühlen, formen und denken. Bezüglich der Lehre der Handwerkskunst an den Akademien ist es wichtig, das Handwerk von einer bestimmten, allgemeinen Form zu lösen, - z. B. der menschlichen Figur- da ansonsten die Freiheit und Entwicklung nur schwer zu erreichen ist. Die simple Reproduktion einer allgemeinen Form, im Besonderen der menschlichen Figur, erzeugt bereits eine große Faszination für uns und lenkt somit von der eigentlichen Fragen ab: Was ist Kunst?

Astrid Raimann

Astrid Raimann,  Steinbildhauerin, Comiczeichnerin.
Malerin
, Deutschland

„Finde deine Form” ist die erste und einzige Aufgabe In meinen Steinbildhauerkursen. Wie jemand zur Form kommt, übers Zeichnen, in der Diskussion über eine Idee, in der Auseinandersetzung mit dem Stein – formal, sinnlich, analytisch, intuitiv, oder handelnd mit Knüppel und Eisen -  ist die Entscheidung des angehenden Künstlers und gibt mir von der ersten Arbeit an wertvolle Hinweise auf seine Stärken und sein Lernpotenzial.

Meine Erfahrung ist: Das Entwickeln der Idee aus dem Rohling, in der direkten Arbeit am Stein, scheint für die meisten Lernenden, vor allem für die, die zum ersten Mal am Stein arbeiten, die fruchtbarste Methode zu sein, um künstlerisches Denken, Denken „mit dem Stein” und mit der Form zu initiieren. Es wird sichtbar an den Ergebnissen: sehr persönliche Lösungen und individuelle Handschriften sind die Regel. Mir als Lehrender geben sie einen Ausblick auf die Richtung, in die die künstlerische Entwicklung gehen möchte. Das hohe Motivationspotenzial dieses Ansatzes erkläre ich mir damit, dass die Form aus dem Ureigensten sich bilden darf. Die immer wieder neuen Lösungen überraschen oft den Bildhauer selbst - und auch mich als Lehrende, sie sind „interessant“ und berührend, weil sie authentisch sind. Was wiederum motivierend zurückwirkt auch auf mich.

Nun kann auch ein formales Thema in einer Lerngruppe etliche Variationen und individuelle Arbeiten hervorbringen. Der Unterschied liegt darin, dass die Aufgabenstellung hier vom Lehrenden ausgeht, während sie bei der freien Formfindung vom Lernenden selbst erst gefunden werden muss. Dies nun ist ja die originale Ausgangssituation des Künstlers, wie wir ihn heute sehen: seine Arbeitsrichtung, sein Ziel und seinen Weg selbst zu bestimmen. Diese Situation von Anfang an ein zu üben, sehe ich als eine meiner Aufgaben. Auf dieser Basis wird der Künstler später in der Lage sein, auch für eng definierte Auftragsarbeiten individuelle Antworten zu finden.

Was bedeutet das im Hinblick auf das Thema „Handwerk an Kunstschulen”?

„Form” ist in der Steinbildhauerei immer beides: Idee und Materie. Einen Stein kann ich nicht bearbeiten ohne Handwerk.

Als Kunst-Lehrende stelle ich mein Wissen, Können und Know-how zur Verfügung: das „Handwerkszeug”, das nötig ist, damit der Stein sich formen kann. Zu meinem Handwerkszeug gehört selbstverständlich das Wissen von Gesteinen und ihren Eigenschaften, von Schwerkraft, von Gestaltungsprinzipien wie Abstraktion, Konzept, Formenlehre, Proportion, Balance und Komposition im Raum sowie von den Ideen der Anderen in der Kunstgeschichte. Meine Aufgabe ist aber eine andere als die des Handwerksmeisters, nämlich, künstlerische Prozesse zu inspirieren, zu begleiten und zu unterstützen. Die Zielsetzung ist eine andere. Nicht das Handeln ist im Fokus sondern das Denken. Die Formung des Denkens. Künstlerisches Denken. Bildhauerisches Denken. Denken in Stein.

Meine Antwort auf unsere Frage ist: Aufgabe von Kunstschulen ist die künstlerische Formung, nicht, das Handwerk zu lehren. Das Handwerk gehört jedoch untrennbar dazu. Das bedeutet: Die Lehrenden sollten es 1. beherrschen und 2. zur Verfügung stellen. Das bedeutet auch: Schlecht gemacht ist kein Zeichen von Genialität. Zuviel Handwerk kann die Inspiration knebeln – zu wenig Handwerk ist eine Respektlosigkeit der Kunst und sich selbst gegenüber.

Marta Linaza

Teaching Sculpture Programm

Unser Ziel ist es, grenzüberschreitende, themenverwandte Projekte zu fördern, die Einzelpersonen Unterstützung ermöglichen und eine Plattform für Ideen und Gedankenaustausch bieten.

Neben der Publikation von Artikeln im Newsletter beabsichtigen wir 2014 Lehrveranstaltungen in ganz Europa zu anbieten. Wir laden Lehrende ein, mit Studierenden das gleiche Projekt durchzuführen; jeder Lehrende gibt den Input, den er/sie denkt, der notwendig ist. Was passiert? Was sind die Ergebnisse? Unterscheiden sich die Ergebnisse von Land zu Land? Diese und weitere Aspekte werden Gegenstand der Diskussionen sein, wenn die Teilnehmer zusammenkommen, um über ihre Erfahrungen, Prozesse, Ergebnisse etc. zu reflektieren.

Teaching Sculpture ist ein offenes Projekt, und steht als solches Ihrer Teilnahme, Ihren Anregungen und Ideen offen.
Falls Sie teilnehmen oder mehr erfahren möchten, dann schreiben sie bitte Marta Linaza.

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