"Unsere Art zu leben ist selbstmörderisch"

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Installationen von Mark Dion

Mark Dion, Mandrillus Sphinx, 2012 - Private Sammlung, Paris - Foto © Jean Vong, der Künstler und Tanya Bonakdar Gallery, New York
Installationen von Mark Dion

Von Anne Berk

Einige der wunderlichen Sammlungen von Mark Dion sehen aus wie humoristische 'Wunderkammern', andere wie dreidimensionale Alpträume. "Unsere Art zu leben ist selbstmörderisch", verkündet der amerikanische Künstler bei der Eröffnung der Ausstellung The Macabre Treasury in den Niederlanden.

Als Kind sah Mark Dion (1961) die Welt um ihn herum mit Erstaunen. Aufgewachsen in der Kleinstadt Bedford, Massachusetts, stopfte er seine Taschen voll mit Muscheln, Scherben, Steinen ​​und Knochen oder jagte Schmetterlinge, die er sorgfältig in Zigarrenkisten aufbewahrte. Dion ist immer noch ein begeisterter Sammler, er ist fasziniert von Ölkanistern, Holzhämmern, ausgestopften Vögeln oder alten Fotografien, die er auf Flohmärkten findet. "Ich bin ein Künstler, der von Gegenständen viel bekommt, dadurch bin ich in gewisser Weise schon ein Bildhauer. Ich liebe die Welt der alten Dinge."

Mark Dion. Foto: Amanda Dandeneau 2013

Darstellung der Natur

Dinge zeigten ihm den Weg in die Museumswelt und eröffneten ihm seine Karriere als Künstler. Dion stammt aus einer Arbeiterfamilie und war nicht vertraut mit Museen. Aber bei seinem ersten Ausflug mit der Schule in das lokale Naturkundemuseum mit einer Sammlung von Artefakten über den Walfang, war es Liebe auf den ersten Blick.

"Ich identifiziere mich mit der Mission des Museums, wo man hingeht um Wissen über Dinge zu erlangen. Das entspricht in etwa dem, was meine Skulpturen und Installationen ausmacht.
[ii] Ich bin ein Museumsjunky. Wenn ich in einer Stadt ankomme, haste ich zu den örtlichen Museen, besonders zu den naturgeschichtlichen, die die Art und Weise des Denkens über die Natur in einer bestimmten Zeit darstellen. Museen sind Zeitkapseln. Sie verkörpern die Werte ihrer Zeit."

Dion verdeutlicht dies, indem er mir seine Fotos von Darstellungen von Eisbären zeigt, die er in 22 Museen auf der ganzen Welt, aufnahm. "Im neunzehnten Jahrhundert wurden die Eisbären als furchtbare Monster mit scharfen Krallen dargestellt, heute als gefährdete Geschöpfe, die geschützt werden müssen” [iii]. Eine dramatische Machtverschiebung in der Beziehung zwischen Mensch und Tier, die er mit seiner eigenen Version des Eisbären unterstreicht: Ein Stofftier, in einer Wanne stehend, dessen weißes Fell gefärbt ist von Teer, dem klebrigen schwarzen Rückstand von Öl.

Mark Dion, The Macabre Treasury, 2013 - Het Domein NL. Foto: Anne Berk

Die Welt in einer Nussschale

Sammeln ist ein Weg, um die Welt "zu begreifen", physisch und psychisch, um Wissen über die Dinge zu erlangen. Als Abenteurer und Kaufleute aus dem 17. Jahrhundert die Ozeane umsegelten, kehrten sie mit Schiffsladungen von Pflanzen, Tieren und Gegenständen zurück, die in 'Wunderkammern" ausgestellt wurden. Diese stellten die Welt in einer Nussschale dar, verkörperten die Fülle von Gottes Schöpfung.

Sammeln beginnt mit Vergleichen, mit der Suche nach Gemeinsamkeiten und Verbindungen, aber die Anordnungen und Klassifikationssysteme basieren immer auf Wertesystemen. Dion stellt die dominanten "objektiven" wissenschaftlichen Taxonomien spielerisch in Frage, indem er uns daran erinnert, dass es andere Wege dieser Anordnung gibt. Er lädt den Betrachter ein, einen Blick auf die Welt durch die Augen eines Amateurs (oder eines Künstler) zu werfen. Subjektiv, aber engagiert.

Bäume und Vögel

Dion’s aktivistischer Ansatz passte ideal in das ganzheitliche Konzept der Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev, die ihn einlud, an der dOCUMENTA 13 teilzunehmen. In Kassel ehrte der Dion Carl Schildbach, der 18 Jahre seines Lebens, von 1771 bis 1799, damit verbrachte, Holz, Blätter und Samen von 441 Bäumen in der Umgebung von Kassel zu sammeln, um die erste Enzyklopädie der Bäume zu schaffen. Dion präsentiert Schildbachs berühmte 'Xylothek' oder Holz-Bibliothek in einem schönen Schrank, der verziert ist mit Intarsien mit Abbildungen von Bäumen, darunter eine Eiche, die sich auf die 7000 Eichen von Joseph Beuys in Kassel aus dem Jahr 1982 bezieht.

Dion’s Society of Amateur Ornithologists – in diesem Sommer wieder bei EMSCHERKUNST 2013 zu sehen - ist Ornithologen und ihrer Liebe zu Vögeln gewidmet. Es ist ein Zeichen der Hoffnung im Ruhrgebiet, einst die meist verschmutzte industrielle Region Deutschlands, die derzeit ökologisch revitalisiert wird. In dem Prozess wird die Emscher, die als kanalisierte Kloake fungierte, wieder in einen Fluss verwandelt.

Mark Dion, Society of Amateur Ornithologists, 2010 - Foto: Roman Mensing

In Seattle realisierte Dion eine große Installation im Olympic Sculpture Park. Auf den ersten Blick sieht sein Neukom Vivarium (2004-2006) wie ein riesiger Kindergarten aus. Ein toter Baum aus dem nahe gelegenen Naturschutzgebiet liegt in einem Gewächshaus, horizontal, wie eine Leiche in der Leichenhalle. Kontrollierte Beleuchtung und Luftfeuchtigkeit sollen den Baum wieder zum Leben erwecken. Besucher sind dazu eingeladen, den Baumstamm mit einem Mikroskop nach keimenden Samen, lebenden Insekten und Bakterien zu untersuchen. Doch unsere Technologie ist begrenzt, sie kann kein Ersatz für die unglaublich komplexen Bio-Systeme der Natur sein.

Im Laufe der Zeit wurde Dion’s Sicht über die Zukunft der Menschheit sehr düster: "Seit mittlerweile 30 Jahren vermittle ich nun die Geschichte der Umwelt. Ich habe Werke über tropische Ökologie, Küsten-Ökologie und die Arktis gemacht, in der Hoffnung, dass die ökologische Katastrophe durch ein höheres Bewusstsein abgewendet werden kann. Wenn die Leute über Themen wie den Verlust der Artenvielfalt Bescheid wüssten, würden sie anders handeln, um das Problem zu stoppen.
Aber wer die Zeichen liest, kann sehen, dass sich die Dinge rückwärts bewegen. Wir werden das Problem der globalen Erwärmung nicht lösen. Allmählich wird das Ökosystem durch Ozonlöcher, ökologische Kriege und Artensterben zusammenbrechen. Wir haben ein instinktives Verlangen zu sammeln, um die Dinge auf Vorrat zu haben. Der Kapitalismus passt zu unserer Psyche als Menschen, aber wir horten. Unsere materialistische, verschwenderische Art zu leben ist selbstmörderisch."


Abfall

Dion hat keine Lösungen. Er hält uns seine Kunst wie einen Spiegel vor und drückt damit seine Trauer aus. Seine Ausstellung in den Niederlanden hat den aussagekräftigen Titel "The Macabre Treasury" (Der makabere Schatz). Sie zeigt eine Mandrillus Sphinx - eine Spezies, die vom Aussterben bedroht ist - reduziert auf ein Skelett, das sich seinen Weg über goldene Schätze ebnet. Und für diejenigen, die der "Ausstellungsroute” in die weiten norwegischen Bergen folgen, hält Dion eine weitere Überraschung mit seiner Installation Den (2012), bereit. Wer die Höhle betritt, wie das Gebäude des Architekten Lars J. Berge, findet einen schlafenden Bären vor einem Müllberg der menschlichen Zivilisation, dem man sich auch hier in der Wildnis mit ihrer herrlichen Aussicht über Gletscher und Fjorde, nicht entziehen kann.

Anne Berk
Kunstkritikerin für Kunstzeitschriften und Zeitungen und Korrespondentin von sculpture network in den Niederlanden

Mark Dion laufende & kommende Ausstellungen und dauerhafte Installationen:

20 Jan - 5 Mai 2013 "The Macabre Treasury", Ausstellung im Museum Het Domein, Niederlande
www.hetdomein.nl

22 Juni – 6 Okt 2013 Society of Amateur Ornithologists, Installation bei
Emscherkunst 2013
www.emscherkunst.de

Neukom Vivarium
, dauerhafte Installation im Seattle Art Museum
www.seattleartmuseum.org


Den, dauerhafte Installation, Norwegian National Tourist Routes
www.toposmagazine.com

 

 


[i] Quotes from video Art21
[ii] Ibid.
[iii] Quote from interview with the author


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