Abraham Cruzvillegas erstmals in einer Werkschau in Europa

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Wie menschliche Aktivität Formen produziert

Abraham Cruzvillegas, Installation view - Walker Art Center - photo Olga A. Ivanova, Courtesy Walker Art Center
Wie menschliche Aktivität Formen produziert

„Ich will keine Modelle von Armeleute-Architektur vorzeigen. Vielmehr möchte ich Wissen und Verständnis vermitteln, wie menschliches Handeln Formen erzeugt. Buckminster Fuller hat einmal gesagt, dass man die Materie nach Sympathie ordnen sollte; dieser Idee folge ich nicht nur in meiner dreidimensionalen Arbeit, sondern auch, wenn ich Objekte, Bilder und Geräusche sammle.”

Abraham Cruzvillegas

„The Autoconstrucción Suites” des in Mexiko geborenen Künstlers Abraham Cruzvillegas stellt ein spannendes gedankliches Konzept von Skulptur in ihrem urbanen und sozialen Zusammenhang vor.

Abraham Cruzvillegas, La curva, 2003 - Speyer Family Collection

Im Laufe der letzten zehn Jahre hat Abraham Cruzvillegas (geb. 1968) ein Œuvre geschaffen, das sein Interesse an Form und Materie der Gegend von Ajusco spiegelt, einer Vulkanlandschaft südlich von Mexiko-Stadt. Dort entstand in den 1960er-Jahren im Zuge einer Landflucht eine Eigenbausiedlung. Grund für die Landflucht war die staatliche Vernachlässigung landwirtschaftlicher Produktion zugunsten der industriellen Entwicklung, die als Erfolgsrezept galt. Die zahlreichen in Mexiko-Stadt eingetroffenen Immigranten befanden sich wirtschaftlich in einer prekären Lage. So besaßen ihre Unterkünfte oft weder Fundament noch Bauplan, und die Materialien und Bautechniken, die sie verwendeten, waren meist improvisiert; man nahm, was in der Gegend zur Verfügung stand.

Die Eigenbauten in Ajusco spiegelten die konkreten Bedürfnisse der beteiligten Familien, ihr Wachstum, ihre Krisen und ihre Anpassung an die Raumgegebenheiten. Am Entstehen der Eigenbausiedlung war die gesamte Gemeinschaft von Familienmitgliedern und Nachbarn beteiligt. Die „autoconstrucción” (Eigenbau) war damit in der Regel ein Ergebnis menschlicher Solidarität. Abraham Cruzvillegas hat selbst in der Siedlung Ajusco gelebt und „in den ersten zwanzig Jahren seines Lebens” den langsamen Bau seines Elternhauses beobachtet und mitgestaltet.

Abraham Cruzvillegas Autoconstrucción- Fragment- Lattice Bureau, 2007 Courtesy of the artist and kurimanzutto, Mexico City

„The Autoconstrucción Suites” beginnt mit einem Blick auf das Haus als Ganzes, mit seinen Details und improvisierten Bauverfahren, mit seinen spontan entstandenen, widersprüchlichen und instabilen Räumen. Statt technischer Details der Konstruktion zeigt Cruzvillegas die Dynamik des Bauvorgangs, und legt auf instabile Elemente besonderes Augenmerk: Hindernisse, Abfall, Einengungen, Sprünge, Beben und Unebenheit, herabfallendes Material, Querschläger und Risse.

Zwischen 2005 und 2012 hielt sich Cruzvillegas an unterschiedlichen Orten in Europa, Asien und den USA auf. Die jeweiligen Umweltbedingungen flossen in seine Arbeit ein. „Bougie du Isthmus” (2005) z.B. ist von einem improvisierten Gerät angeregt, das Fischer in Istanbul an einem Reifen befestigen, um ohne Zuhilfenahme der Hände fischen zu können. Die Flaschenständer, auf denen die Angelruten stehen, beziehen sich auf den Weinbau im Loiretal, wo sich das Atelier Calder befindet. Bunte Stoffwimpel erinnern an die traditionellen Dorffeste am Isthmus von Tehuantepec in Oaxaca (Mexiko), bei denen Frauen mit bunten Tüchern an Stöcken oder Besenstielen durch die Straßen marschieren.

Abraham Cruzvillegas AC Mobile, 2008 - Courtesy of the artist and kurimanzutto, Mexico City.

Auch in Schottland, wo Cruzvillegas 2008 sechs Monate verbrachte, arbeitete der Künstler mit Materialien seiner direkten Umgebung: Wolle, Schafdung, Maschendraht, weggeworfene Möbel, Pappe, Steine und Gras - dem „einheimischen Wirtschaftssystem”, wie er es nannte.

2010 begann Cruzvillegas eine Serie eigenständiger anthropomorpher Selbstporträt-Skulpturen. Sie sind aus seinen Habseligkeiten zusammengesetzt – wie Schuhen und Einkaufstaschen – und haben sprechende Titel wie z.B. „Autorretrato jacarandoso con las manos ocupadas” (Span., „fröhliches Selbstporträt mit vollen Händen”). Cruzvillegas imaginiert sich selbst in unterschiedlichen Zeiten und Identitäten, so dass sich reale wie fiktive Erfahrungen zum Bild einer Persönlichkeit komplettieren.

Gestaltendes Element ist das Disparate, das Prinzip der Häufung, sowie die Suche nach Zeichenhaftem. Es ist Verdienst von Cruzvillegas Werk, dass es – als Ergebnis einer Interaktion mit Gegenständen – immer ein Bewusstsein von leiblicher Präsenz, von Unmittelbarkeit und Dringlichkeit zu vermitteln vermag.

Abraham Cruzvillegas: The Autoconstrucción Suites ist organisiert vom Walker Art Center Minneapolis, MN, U.S.A., wo die Ausstellung vom 23. März – 22. September 2013 Premiere hatte. Sie reist weiter zur Jumex Foundation in Mexico City und Museo Amparo, Puebla.

Abraham Cruzvillegas: The Autoconstrucción Suites
Kuratoren: Clara Kim and Dr. León Krempel
Haus der Kunst, München, Deutschland
Bis 25.05.2014

www.hausderkunst.de

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