Spielobjekte: Die Kunst der Möglichkeiten

Mediadaten 2017

Download PDF

Newsletter abonnieren

sculpture network veröffentlicht monatlich einen Newsletter auf deutsch und englisch.
Er informiert zu laufenden Veranstaltungen und Ausstellungen zur zeitgenössischen Skulptur in Europa und zu den Veranstaltungsreihen von sculpture network.

Newsletter abonnieren

Sollten Sie eine Auflage verpasst haben können Sie hier nachlesen.

Museum Tinguely, Basel

Jean Tinguely, Rotozaza No. 1, 1967 - [mac], musée d’art contemporain, Marseilles © 2014, ProLitteris - photo Christian Baur, Museum Tinguely, Basel
Museum Tinguely, Basel

Das transformierbare „Spielobjekt”, das in der Kunstgeschichte auch als „Variations-” oder „Partizipationsobjekt” bezeichnet wurde, erlebte seinen Höhepunkt Ende der 1960er Jahre vor allem in der konkret-konstruktiven und kinetischen Kunst. Ziel der Künstler ist, den Betrachter auf unterschiedliche Weise beim Entstehungs- und Transformationsprozess ihrer Kunstobjekte direkt mit einzubeziehen. Der Betrachter verändert die beweglich angelegten Kompositionen von Bildern, Reliefs und Skulpturen und wählt dadurch eine ihm genehme Konstellation. Das Publikum wird so zum direkten Akteur zwischen Künstler und Kunstwerk. Im Museum Tinguely bietet sich die einmalige Gelegenheit, viele der Werke in ihrer Variabilität im Rahmen von über 300 interaktiven, öffentlichen Führungen direkt zu erkunden.

Julio Le Parc, Ensemble de onze jeux surprises, 1963–1965 Atelier Le Parc, Cachan © 2014, ProLitteris, Zürich - photo BUGADA & CARGNEL Gallery

Die Pioniere
Die argentinische Künstlergruppe MADI, geleitet von Gyula Kosice und Carmelo Arden Quin, zusammen mit William Turnbull, Hugo Weber und Hans Erni gehören zu den Pionieren der transformierbaren Kunstobjekte. Skulpturen aus den 1930er und 1940er Jahren, wie die Skulptur Mobile von Le Corbusier, nahmen die Form, welche in den 1960er Jahren immer mehr in Mode kam, vorweg.


Konkret-konstruktive Play Art

Der Fokus der Ausstellung liegt auf den 1950er bis 1970er Jahren, in denen sich vor allem konkret-konstruktive Künstler auf unterschiedlichste Art mit der Thematik einer direkten Beteiligung des Betrachters auseinandersetzten.

Dieter Roth begann bereits in den frühen 1960er Jahren damit, die strengen Ordnungsregeln der konstruktiven Kunst zu durchbrechen. So lassen sich im „Dreh-Rasterbild” durch Rotationsbewegungen visuelle Interfrequenzen wie in der Op-Art erzeugen. Im „Gummibandbild” wird der Bildträger mit orthogonal verlaufenden Nagelreihen zum Spielfeld: Der Benutzer, der durch Verspannen der Gummibänder an den Nägeln eine unendliche Vielfalt an Mustern und Formen bilden kann, wird zum Künstler und Kollaborateur einer Kunst für alle.

Charlotte Posenenske, Vierkantrohre Serie DW, 1967–2007 Galerie Mehdi Chouakri, Berlin © Charlotte Posenenske - photo Courtesy Mehdi Chouakri, Berlin Reproduction Jan Windszus

Auch südamerikanische Künstler wie Carlos Cruz-Diez oder Mary Vieira, die transformierbare Skulpturen aus Holz oder Metall schufen, erklärten ihre partizipative Kunst sozialpolitisch. Italienische Künstler der Mailänder gruppo T, darunter Gianni Colombo, Gabriele Devecchi und Grazia Varisco, setzten sich intensive mit den Themen Raum, Zeit und Bewegung auseinander. Auf Variscos Reliefs lassen sich magnetische Elemente und Bänder versetzen. Bei Colombos „Superficie in variazione” entstehen durch Hebel auf der Kunstfelloberfläche unterschiedliche Strukturen.

Spielmaschinen und Spielkunst für alle Sinne
Einige Exponate sprechen verschiedene Sinne an, wie zum Beispiel das „Tableau tactile sonore” von Yaavov Agam: Durch das Berühren der auf Federn montierten Metallelemente geraten diese in Schwingung und erzeugen Klangbilder. Beim „Essbild” von Dieter Hacker kann der Benutzer selbst entscheiden, ob er weiß überzogene Schokolinsen auf einem schwarzen Spielbrett versetzten will, oder ob er sie lieber gleich ganz aus der „Bildkomposition” entfernt und verspeist. Mit ihren höchst individuellen Konzepten reagierten die Künstler auf ihre Umwelt, die aktuellen Themen der Gesellschaft, Politik und Wissenschaft. Sie schufen Kunstobjekte aus alltäglichen Materialien und industriell vorgefertigten Gebrauchsgegenständen. Rolf Glasmeier verwendet für seine „Kaufhaus-Objekte” bewusst Massenwaren ohne künstlerischen Wert. Aus beweglichen Fenstergriffen oder Briefkastenklappen können auf der Bildfläche eine große Anzahl verschiedener Konstellationen vom „Kunstbenutzer” realisiert werden.

Charlotte Posenenske, Vierkantrohre Serie DW, 1967–2007 Galerie Mehdi Chouakri, Berlin © Charlotte Posenenske - photo Courtesy Mehdi Chouakri, Berlin Reproduction Jan Windszus

Jean Tinguelys „Rotozaza No.1” ist eine riesige Ballspielmaschine, die den Museumsbesucher zum Spiel animiert. Per Knopfdruck kann der Betrachter in Julio „Le Parcs Ensemble de onze jeux surprises” verschiedene „Überraschungen” auslösen, die sowohl seine visuellen wie auch auditiven Sinne ansprechen. Sein dreiteiliges Werk „Jeux avec balles de ping-pong” lässt wie bei einem Flipperautomaten Tischtennisbälle mechanisch tanzen.

Neue Spielobjekte
In der interaktiven Installation „The obliteration room” der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama ist das Publikum eingeladen, einen kompletten weißen Wohnraum mit leuchtend bunten Punkten zu bekleben. Jeder Besucher hinterlässt Spuren, und im Verlauf der Ausstellung akkumulieren sich so abertausende Punkte, die den Raum mit Farbe überziehen. Auch bei der Arbeit „Intervention Impact” von Jeppe Hein wird der Museumsbesucher spielerisch an der Entstehung des Kunstwerks beteiligt. 300 weiße, große Pappwürfel, die an einer Ecke angeschnitten sind, funktionieren wie ein Baukastensystem. Mit jedem Umbau und jedem Besucher präsentiert sich somit eine neue Konstruktion.



Spielobjekte. Die Kunst der Möglichkeiten.
Museum Tinguely, Basel, Schweiz
19.02 – 11.05.2014

www.tinguely.ch

Nur für Mitglieder

Dieser Bereich ist nur für eingeloggte Mitglieder zugänglich.

Noch kein Mitglied? Hier erfahren Sie mehr.