Verschwommene Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion

Mediadaten 2017

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Juan Muñoz im HangarBicocca

Juan Muñoz, Many Times, 1999 - photo © Attilio Maranzano - Courtesy Fondazione HangarBicocca; The Estate of Juan Muñoz, Madrid
Juan Muñoz im HangarBicocca

"Skulptur verdreht den Raum, den sie einnimmt, drückt sie in all ihrer Ausdehnung aus den Ecken in die Mitte, wie eine Decke, die in der Luft flattert, bevor sie auf den Tisch gelegt wird."

(Juan Muñoz, "Schriften/Escritos", herausgegeben von Adrian Searle, Ediciones de la Central, Madrid 2009).

Juan Muñoz (Madrid, 1953) sah sich selbst als „Geschichtenerzähler“. Die im Mittelpunkt seiner Kunst stehende menschliche Figur und seine befremdlichen Schauplätze und erfundenen Welten, die von eigenartigen Wesen wie Akrobaten, Bauchrednern, Ballerinas und einsamen Zwergen bewohnt werden, rufen eine Vielzahl möglicher Erzählstränge hervor. 

Juan Muñoz, The Wasteland, 1986 - photo © Attilio Maranzano - Courtesy Fondazione HangarBicocca; The Estate of Juan Muñoz, Madrid

Fasziniert von römischen Statuen und der Architektur des Barock des 17. Jahrhunderts, untersuchte er die Beziehung zwischen der menschlichen Figur und der Ausstellungsumgebung. Er beschäftigte sich mit neuen Möglichkeiten, den Raum zu verzerren, indem er waghalsige Perspektiven einnahm und Größenänderungen vornahm, nicht nur um den Betrachter auf der Ebene der Wahrnehmung und Sinne anzuregen, sondern auch und insbesondere, um eine psychologische Spannung bei dem Individuum zu erzeugen, das sich auf ein Wechselspiel mit der Arbeit einlässt.

Juan Muñoz’s Interesse an Illusionskunst führte dazu, dass er ein starkes Gespür für Vieldeutigkeit und Rätselhaftigkeit entwickelte, bei dem die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion verschwimmen und damit ein zunehmend vielschichtiges Spiel mit Widersprüchlichem und Paradoxem erzeugen.

Der Künstler weitete daher sein Untersuchungsgebiet auf Emotionen und das größere psychologische Zusammenspiel mit dem Betrachter aus. Dies erreichte er mittels der Sprache der Skulptur, Architektur, Zeichnung, Installation, Klang und Schreiben und unter Verwendung von Verweisen auf Kino und Fotografie sowie Magie.

Juan Muñoz, Double Bind, 2001 - photo © Attilio Maranzano - Courtesy Fondazione HangarBicocca; The Estate of Juan Muñoz, Madrid

HangarBicocca präsentiert mit Double Bind & Around, eine bedeutende von Vicente Todolí kuratierte Ausstellung, die die Pirelli-Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst mit 15 Hauptarbeiten des Künstlers sowie über 100 Skulpturen ganz neu gestaltet.

Der Titel der Ausstellung stammt von einer der bedeutendsten Arbeit des Künstlers, der 2001, wenige Monate nachdem sie der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, im Alter von 48 Jahren starb. Double Bind ist eine für eine Ausstellung in der  Turbine Hall als Teil der Unilever Serie an der Tate Modern (London, 2001) geschaffene Installation, die dort gezeigt, jedoch seitdem nie wieder aufgebaut wurde.

Die Arbeit wird nun wieder präsentiert - angepasst auf eine Fläche von 1.500 Quadratmetern - und sie erforscht die vertikale Dimension des ehemaligen Industriegebäudes von HangarBicocca. Zusammengesetzt aus einer Reihe von dunklen Szenarien mit Architekturelementen, die mit dem Gegensatz zwischen Sichtbarem und Unsichtbaren, Realität und Illusion spielen. In struktureller Hinsicht besteht sie aus drei Ebenen und zwei Aufzügen, die sich in ständiger Bewegung befinden.

Juan Muñoz, Double Bind, 2001 (detail) - photo © Attilio Maranzano - Courtesy Fondazione HangarBicocca; The Estate of Juan Muñoz, Madrid

Von der obersten Ebene kann der Besucher über eine Oberfläche geometrischer Formen blicken, in denen Löcher oder Schächte zu sehen sind, die Realität oder auch nur Illusion sein mögen. Auf der mittleren Ebene erscheinen jedoch Figuren, einzeln oder in Gruppen, die in zu einer unendlichen Raum-Zeit-Dimension gehörenden Posen erstarrt sind.

Muñoz erschafft eine keimfreie architektonische Welt und verwendet strukturelle Elemente wie vergitterte Fenster und Gitterroste, die Erinnerungen an die  Athmosphäre einer Tiefgarage hervorrufen. Der Künstler selbst bestimmt das Erleben des Betrachters, so als ob sie eher in einer Stadt und nicht in einem Museum wären (aus Double Bind at Tate Modern, Tate Publishing, London 2001).

Die Ausstellung Double Bind & Around als Ganzes wandelt den Raum von HangarBicocca und bringt einige der bedeutendsten Werke von Juan Muñoz zusammen, darunter The Wasteland (1986), bei der eine Bauchrednerpuppe auf einem Regal über einem ornamentalen Boden sitzt, Waste Land (1986), wo wiederum der Bauchredner auf einer Mauer über einem ornamentalen Boden platziert ist, und Many Times (1999), welches aus einer „Menschenmenge“ an Figuren mit asiatischen Gesichtszügen und bissigem Grinsen besteht, die im ganzen Raum angeordnet sind.

Juan Muñoz, Conversation Piece, 1996 (detail) - photo © Attilio Maranzano - Courtesy Fondazione HangarBicocca; The Estate of Juan Muñoz, Madrid

Es gibt auch einige Conversation Pieces, die aus den frühen 1990er Jahren stammen. Sie bestehen aus anonymen Figuren, die in genauso beliebigen Räumen angeordnet sind. Die Gestalten, deren Form sie leicht menschlich aussehen lässt, haben  kugelartige Gebilde anstelle von Beinen. Jede Figur besetzt den Raum in einer verschiedenen Pose und sie unterhalten sich, beobachten oder hören Tatsachen oder Ereignisse, die unausgesprochen und daher für den Betrachter unverständlich sind. Die Geschöpfe der Serie Hanging Figure, hinwiederum werden in unglaubhaften Posen gezeigt, denn sie flattern wie Akrobaten durch die Luft. Diese Arbeit wurde von Miss La La at the Cirque Fernando, einem Meisterwerk von Edgar Degas aus dem Jahre 1879 inspiriert, welches eine Akrobatin aus einer waghalsigen Perspektive von unten zeigt.

In erster Linie für seine Skulpturen aus Pappmaschee, Harz und Bronze bekannt, interessierte sich Juan Muñoz auch für Klangkunst und hat Kompositionen sowohl für das Radio als auch Hörstücke geschaffen.  Außerdem hat er mit Leidenschaft geschrieben und einige seiner Schriften sind in Katalogen, Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht worden - darunter Domus und Figura - und er arbeitete mit Musikern und Schauspielern an Klangperformancen, von denen einige nun im HangarBicocca präsentiert werden.

Double Bind
Juan Muñoz

Kurator: Vicente Todolí
Bis 23.08.2015

HangarBicocca

Mailand, Italien

www.hangarbicocca.org

juanmunozestate.com

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