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Andra Ursuţas geriatrische Klinik der westlichen Moderne

Andra Ursuţa, Installation view Whites, Kunsthalle Basel, 2015 - photo Philipp Hänger - Courtesy the artist, Massimo de Carlo & Ramiken Crucible
Andra Ursuţas geriatrische Klinik der westlichen Moderne

Andra Ursuţa (Rumänien, 1979) verwendet eine breite Palette an Materialien wie Beton, Gips, Marmor, gestrickte Stoffe sowie Wachs für ihre Arbeiten, welche oft auf prosaische Dinge wie Schaukeln, Stühle und Orte wie Schlagtunnel oder Friseursalon verweisen, um daraus gespenstische Dinge zu erzeugen.

Ihre Werke erscheinen wie aus einer Gemengelage von Angst, Melancholie und Nostalgie heraus entstanden zu sein, sind voller Dringlichkeit und haben einen Hauch von Endzeitstimmung inne. Alles scheint in ihren Händen zu einer kraftvollen Form mit unleugbaren dunklem Symbolismus zu finden.

Ursuţa, die 1979 im rumänischen Salonta geboren wurde, zog 1997 für ihr Kunststudium nach New York. Seither wurzelt ihr Werk auf den Erinnerungen an ihre Kindheit in einer kommunistischen Kleinstadt, ihrer traditionellen Kunstausbildung in Rumänien und zufällig im Internet gefundenen Fotografien und bizarren Nachrichten. Aber ebenso ist ihr künstlerisches Schaffen von ihrem Studium in zeitgenössischer Kunst an der Columbia University in New York, das auf Kritische Theorie spezialisiert ist, geprägt.

Andra Ursuţa, Installation view Whites, Kunsthalle Basel, 2015 - photo Philipp Hänger - Courtesy the artist, Massimo de Carlo & Ramiken Crucible

Für ihre Ausstellung Whites, die erste Einzelausstellung der Künstlerin in der Schweiz in der Kunsthalle Basel, hat sie eine Serie neuer Skulpturen geschaffen, die sich auf eine andere Arbeit von ihr, Broken Obelisk von 2013, bezieht. Zurückkommend auf diese vage anthropomorphe Skulptur, hat sie eine große Familie von neuen, eher furchterregenden Figuren kreiert.

Jede dieser unheimlichen, festgelegten Formen hat Augenhöhlen oder Nasenlöcher aus menschlichen Schädeln in eine glatte Oberfläche eingearbeitet, und erinnert gleichzeitig an Barnett Newmans gleichnamiges Denkmal (Broken Obelisk, 1963 - 1967) und eine altersschwache, vermummte Gestalt. Dieses hinwiederum erinnert an das für den ersten Präsidenten der USA errichtete George-Washington-Denkmal, das wiederum formale Bezüge zu den pyramidenförmigen Spitzen der an Tempeleingängen stehenden Säulen im antiken Ägypten hat.

Andra Ursuţa, Installation view Whites, Kunsthalle Basel, 2015 - photo Philipp Hänger - Courtesy the artist, Massimo de Carlo & Ramiken Crucible

Die Figuren verfügen manchmal über Zähne von Nagetieren oder skelettartige Elemente, die Münder oder Beine andeuten und verwandeln alles was denkmalhaft ist zu entstellten, vermummten Figuren, die in ihrer Erscheinung beinahe Klu-Klux-Klan-mäßig wirken. Die glatte Oberfläche und klare modernistische Geometrie der Skulpturen stehen im Gegensatz zu ihren klaffenden Körperöffnungen und den skelettartigen Auswölbungen. Fast so, als ob der kühle Modernismus von einer makabren Krankheit der körperlichen Erniedrigung befallen ist. Anstelle von Sockeln ruhen die Figuren auf alten Küchenstühlen, gebrauchten Büromöbeln, modernistischen Designklassikern und auf aus Gießharz bestehenden Sitzflächen, manche mit eingelassenen Scheiben aus künstlichem Gemüse.

Durch die sitzende Haltung ihrer „Denkmäler“ betont Ursuţa deren gebrechliche Erschöpfung. Die hierarchische Ordnung von Skulptur und Sockel wird somit aufgelöst. Denn während ein Denkmal üblicherweise erhebend und prachtvoll ist und für edle Ideale und rechtschaffene Werte steht, erzählen Ursuţas grimmige, traurige Abhandlungen eher vom Niedergang des westlichen, idealistischen Projekt der Moderne.

Andra Ursuţa, Installation view Whites, Kunsthalle Basel, 2015 - photo Philipp Hänger - Courtesy the artist, Massimo de Carlo & Ramiken Crucible

Sie erinnern uns aber genauso an die Instabilität von Bildern, die wir für unsere Erinnerungskultur nutzen Bilder, die je nach politischer Anforderung endlos geformt und angepasst werden können.

Obelisken wurden wieder und wieder verwendet und fanden Eingang in die unterschiedlichsten Kulturkreise: Sie dienten in der Antike religiösen Zwecken und im 19. Jahrhundert weltlichen, patriotischen Ansprüchen und können auch scheinbar „neutral“ als kühle, minimalistische Skulptur funktionieren. Wiederholend wurde die Form des Obelisken von ihren Machern, ihren Besitzern, ihren Nutzern verwendet, um für die unterschiedlichsten Aussagen einzutreten. Ursuţas Skulpturen bedienen sich der immer wieder recycelten Form des Obelisken, um eine ruinierte Version seiner anonymen, perfekten Oberfläche herzustellen, die in den Händen der Künstlerin ebenso etwas Humanes wie Viszerales erhalten.

Über den gesamten Oberlichtsaal verteilt, verwandeln das Skulpturenensemble und andere Stücke die Kunsthalle Basel zeitweilig in etwas, das die Künstlerin als eine „geriatrische Klinik“ der westlichen Moderne bezeichnet.

Andra Ursuţa - Whites
Bis 1.11.2015
Kunsthalle Basel
Schweiz

www.kunsthallebasel.ch

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