Boghossian Stiftung

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Die Rekonfiguration der Befreiung der Kunst von der Dekoration

Daniel Buren, Entrelacer, 2016 - Andy Warhol, Silver Clouds, 1966 - photo ©Nicolat Lobet
Die Rekonfiguration der Befreiung der Kunst von der Dekoration

Mit Beginn der Moderne um 1800 wurde die Idee vom ‚dekorativen Kunstwerk‘ zu einem Widerspruch in sich. Die Malerei wurde von der Architektur separiert, begann selbstständig zu werden und ließ ihre ehemals vorrangige Funktion als Dekoration hinter sich. Historisch betrachtet war dies das Ende des dekorativen und integrierten ästhetischen Objekts und das Aufkommen der neuen Idee des Kunstwerks. Von nun an, wie schon Hegel in seinen Vorlesungen über die Ästhetik schreibt, besteht die „Funktion eines Kunstwerks nicht mehr nur darin, Wände zu füllen; im Gegenteil, es zählt rein das Kunstwerk für sich selbst.“ [1]

Von der Funktion, als Teil der Umgebung zu dienen, ist das Kunstwerk zu einer Stellung aufgewertet worden, in der es selbst zum Mittelpunkt seiner eigenen Bedeutung wurde, den Platz des gesellschaftlichen Austausches einnehmend, den es bisher gepflegt hatte. Moderne in diesem Sinne, ist nicht nur als eine Gesamtheit neuer künstlerischen Stile, Formen und Inhalte repräsentiert – die Bedeutung ist fundamentaler, ein Wandel des Modus, wie sich die Funktion ästhetischer Objekte verändert, und wie sie miteinander kommunizieren: Während ein dekoratives Element nur den Blick anzieht, um ihn dann wieder in seiner Umgebung zu entlassen, zieht das Kunstwerk den Blick wie ein Magnet an, um ihn daran festzuhalten.

Felix Gonzalez Torres, Untitled (Beginning), 1994 - Andy Warhol, Silver Clouds, 1966 - photo ©Nicolat Lobet

Das Museum war und ist immer noch die treibende Kraft hinter diesem Prozess, dem Ort, der die Idee des Gegenstands als bedeutungsvolle und wertvolle Gesamtheit optimiert, im Verhältnis zu dem, was ein Individuum erkennt und selbst reflektiert.Das Museum ist die Maschine, die nicht nur den Gegenstand aus der Praxis extrahiert, sondern ein ganzes Ritual entwickelt, um diesen in Szene zu setzen.

Die Boghossian-Siftung wurde 1992 von Robert Boghossian und seinen Söhnen Jean und Albert, libanesischen Juwelieren armenischer Abstammung, gegründet. In ihren ersten Jahren widmete sich die Stiftung hauptsächlich der Verbesserung der Lebensumstände junger Menschen in Armenien und im Libanon. Nach der Komplettrenovierung der Villa Empain begannen sie 2010 in Brüssel mit der Präsentation eines über das ganze Jahr breit gefächerten künstlerischen Programms, welches unter anderem Ausstellungen, Konzerte, Konferenzen, Tanz-Performances und Workshops beinhaltete. Decor heißt die aktuelle, von Tino Seghal, Thea von Hantelman und Asad Raza co-kuratierte Ausstellung.

Marcel Broodthaers, Décor (little brass canon), 1975 - Estate Marcel Broodthaers

Die Künstler, die in Decor zusammen kommen, teilen die Ambition, diesen spezifischen Modus der Funktionalität kategorisch zu rekonfigurieren. Sie haben nicht die, insbesondere in der westlichen Welt verbreiteten, dekoratives Potenzial fürchtenden und sich stattdessen die Befreiung der Kunst von der Dekoration wünschende Berührungsangst. Im Gegenteil; diese Künstler befürworten das Dekorative als einen fundamentalen Aspekt der Skulptur und betrachten den Umgang damit als politisches Potenzial Diese Annäherungen eröffnen auch einen neuen Dialog der Dekorationstraditionen und Ornamentik, die ihre Wurzeln in der östlichen Ästhetik haben. "Dekorativ" sollte allerdings in diesem Kontext weder rein ornamental, noch in seiner negativen Konnotation, als oberflächlich und gefällig betrachtet werden. Das Dekorative ist als Mittel zu sehen, um einen anderen Modus der künstlerischen Tätigkeit wahrzunehmen, die so genannte Autonomie der Kunst zu erwecken, um die sozialen Kapazitäten der Objekte intersubjektiv wiederherzustellen.

Als Dekor kann das Objekt nicht einfach autonom für sich existieren – es muss in Verbindung mit einem räumlichen Kontext betrachtet werden. Es kann nicht der Fokus aller Aufmerksamkeit sein, zumal es konstitutiv mit einer Funktion verbunden ist. Innerhalb des Kontextes der Villa Empain - die selbst ein Ort ist, der stark von der Dekoration geprägt ist - ist diese Ausstellung eine Werkschau über das Dekorative in der modernen und zeitgenössischen Kunst und gleichzeitig einfach eine Dekoration der Villa.


[1] Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Ästhetik: Lectures on Fine Art, vol. 2 (Oxford: Clarendon Press, 1975), p. 807.

Décor

Künstler: Carl Andre, Marcel Broodthaers, Daniel Buren, Latifa Echakhch, Dominique Gonzalez-Foerster, Felix Gonzalez-Torres, Pierre Huyghe, Waqas Khan, Jeff Koons, Milena Muzquiz, Jeroen de Rijke/Willem de Rooij, Jorge Pardo, Philippe Parreno, Monir Shahroudy Farmanfarmaian, Rosemarie Trockel und Andy Warhol.
Kuratoren: Tino Sehgal, Dorothea von Hantelmann und Asad Raza.

Boghossian Foundation - Villa Empain
Bis  29.01.2017
Brussels, Belgium

www.villaempain.com

Übersetzung: Irene Anton

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