Interview mit Anne Berk, Kuratorin unseres documenta Kunstausflugs

Mediadaten 2017

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sculpture network: Was sind Ihre Erwartungen an die diesjährige documenta14?

Anne Berk: Ich denke, die diesjährige documenta hat Sinngebung im Fokus. Sie fordert uns heraus über die Komplexität der Zeit, in der wir leben, nachzudenken. Dies macht sie, indem sie eine Vielfalt an Perspektiven von Künstlern, die aus aller Welt kommen, anbietet. Ich freue mich schon sehr!

SN: Was halten Sie von der Idee, dass zwei Städte – Athen und Kassel – die Dokumenta14 veranstalten? Hat dies etwas mit der aktuellen politischen und sozialen Situation zu tun?

AB: Der polnische künstlerische Hauptverantwortliche Adam Szymczyk schlug eine zweigeteilte Struktur für die Ausstellung vor, die auch im Arbeitstitel „Von Athen lernen“ widergespiegelt wird. Dieser kann sich auf die aktuellen Spannungen zwischen den nördlichen und den südlichen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union beziehen. Griechenland hat momentan die höchste Anzahl an Flüchtlingen. Man kann aber auch an die Kluft zwischen nördlicher und südlicher Halbkugel denken. Adam Szymczyk möchte an den aktuellen Hierarchien rütteln, indem er einen zweiten Veranstaltungsort für die dokumenta14 auswählt: eben nicht nur Kassel, sondern auch Athen. Zusätzlich wird die Veranstaltung durch ein Magazin begleitet, das den Titel „Der Süden als Geisteshaltung“ trägt. Interessanterweise werden die beiden Städte während der 100 Tage der documenta mit dem Athen-Kassel-Ritt verbunden. Das ist ein 3000 km langer Ritt durch Europa, ausgeführt von Männern und Pferden.

Das Motto „Von Athen lernen“ klingt recht abstrakt und nebulös. Was bedeutet der Titel für Sie konkret?

Natürlich lagen die Basis unseres Wissens, unserer Kultur und unserer Demokratie in der Antike in Athen. Deswegen bin ich von der Installation „Das Parthenon der Bücher“ der argentinischen Künstlerin Marta Minujín beeindruckt. Erstmals zeigte sie diese Installation im Jahre 1973, während der Militärjunta-Regierung in Argentinien, als inständigen Appell für Demokratie. Nun wird dieses lebensgroße Parthenon der Bücher auf dem Friedrichsplatz in Kassel erneut aufgebaut, einem Ort, an dem die Nazis einst Bücher verbrannten…Für Szymczyk bedeutet „Von Athen lernen“ auch an Athen als das Zentrum der Mittelmeerstaaten zu denken. „Eine moderne Großstadt, umgeben vom Meer, die Menschen aus aller Welt in ihren Bann zieht. Wie nehmen die Griechen diese Menschen auf?“ „Von Athen lernen“ fordert den Zuschauer dazu auf, mit offener Geisteshaltung über aktuelle politische Probleme nachzudenken.

Gab es Künstlernamen, die sofort Ihr Interesse geweckt haben?

Diese Ausgabe der documenta14 hält die Namen geheim und bietet nicht wie sonst üblich einen konzeptuellen Rahmen an. Sie veröffentlichen nur einige Artikel auf ihrer Internetseite. Vielleicht liegt es daran, dass die globale (Kunst-) Welt so weitläufig geworden ist, das sie einfache Konzepte negiert. Was ich an der documenta mag, ist, dass die Auswahl von einem Team von Kuratoren getroffen wird, die aus unterschiedlichen Teilen der Welt kommen. Die Namen Miriam Cahn, Hans Haacke oder Lois Weinberger sind bekannt. Aber viele der Künstler kenne ich gar nicht. Ich liebe es von Künstlern aus dem Iran, aus Guatemala, Chile, Mexico, Mali oder Pakistan überrascht zu werden. Ebenso wie ich es schätze von eingeborenen Völkern wie den Aborigines, den Sami aus Skandinavien oder den Warli aus Nordwest Indien überrascht zu werden. Manche von ihnen sind ausgewandert und verbinden Traditionen ihrer Heimat mit zeitgenössischer Kunst. Andere wiederum bewahren traditionelle Kunstformen, wie die irdenen, ausgeschmückten Gemälde der Warli.

Freuen Sie sich auf das Werk eines bestimmten Künstlers?

Ich freue mich auf das Werk von Hiwa K. Dieser kurdische Künstler floh aus dem Irak und lebt nun in Berlin. Ich bin 2015 auf der Biennale in Venedig auf sein beeindruckendes Werk aufmerksam geworden. Er stellte eine wunderschön dekorierte Bronzeglocke vor, die aus geschmolzenen Waffen, die aus dem Irakkrieg stammten, hergestellt worden war. Die Verwandlung dieses Materials verkörpert das Sehnen nach Frieden. Auch bin ich gespannt auf die im Iran geborene Künstlerin Nairy Baghramian. Mit ihren urwüchsigen Formen aus verschiedenen Materialien, fordert sie uns heraus, über Ausstellungspraktiken nachzudenken.

Was werden Ihrer Meinung nach Auswirkungen und Konsequenzen dieser beiden großen Ausstellungen sein, die monatelang im öffentlichen Raum stattfinden werden?

Es stellt eine großartige Möglichkeit für Einheimische dar, zeitgenössische Kunst zu sehen. Ich erinnere mich daran, dass Stephan Balkenhal mir erzählte, dass sein erster Berührungspunkt mit Kunst die documenta in Kassel gewesen sei. Er trug sich als freiwilliger Helfer ein und danach entschied er sich, dass er Skulpteur werden wolle.


Niemals zuvor sind mehr performende Darsteller involviert  - hängt diese Akzentverschiebung mit dem aktuellen Zeitgeist zusammen?

Performende Kunst entstand in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Eine turbulente Zeit, die gegen alte Hierarchien revoltierte, die in den Krieg involviert gewesen waren. Es war Zeit für Veränderung, für eine neue Gesellschaft mit anderen Werten, wie Gleichberechtigung, Liebe und Freiheit. Statt Gegenstände für Geld herzustellen, bevorzugten Künstler einen direkteren, manchmal aktivistischen Weg zu arbeiten. Heute, in unserer vom Markt getriebenen, globalen Welt, erkenne ich diese Sehnen nach neuen Werten wieder. Jedoch denke ich nicht, dass Performanz die documenta14 dominiert. Es gibt eine Bandbreite an Exponaten, darunter performende Kunst, Film, Klang, Installationen, aber auch Gemälde und alte handwerklich traditionelle Elemente, wie das Färben von indigo.

Anne Berk and Judith Collins

Verpassen Sie nicht die Chance mit auf unsere Kunstreise zur documenta14 zu kommen! Anne Berk, Kuratorin wird die internationale Gruppe aus Kunstfreunden, Kuratoren und Künstlern aus der ganzen Welt mit großer Expertise leiten. Die Führung durch das Ausstellungsgelände wird exklusiv und sehr persönlich gestaltet sein. Tauschen Sie sich mit anderen Kunstinteressierten und Kunstexperten in persönlichen Gesprächen über die Werke aus und führen Sie anregende Diskussionen! 

Die Kunstreise findet vom 29. Juni bis zum 2. Juli statt.

Für mehr Informationen klicken Sie hier!

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