Jimmie Durham

Mediadaten 2017

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Die Dekonstruktion natürlicher Klassifikationen

Jimmie Durham, God’s Children, God’s Poems -exhibition view- Migros Museum für Gegenwartskunst - courtesy of the artist & Kurimanzutto gallery - photo Lorenzo Pusterla
Die Dekonstruktion natürlicher Klassifikationen

Jimmie Durhams (*1940) Karriere als Künstler, Poet, Autor und politischer Aktivist begann in den USA. Dort entwickelte er parallel zu seinem Engagement für die Rechte indigener Völker eine skulpturale und performative Praxis, in der er sich ebenfalls mit ethischen Fragen und nationalistisch geprägten Narrativen auseinandersetzt. Internationale Bekanntheit erlangt Durham in den 1980er Jahren insbesondere mit seinen Skulpturen und Installationen, die Staatsmythen dekonstruieren. Seit 1994 lebt Durham in Europa und reibt sich seitdem an seiner neuen geopolitischen und kulturgeschichtlichen Umgebung.

Jimmie Durham, Musk Ox, 2017 - courtesy of the artist & kurimanzutto - photo Nick Ash

Für das Migros Museum für Gegenwartskunst realisiert er das Projekt God’s Children, God’s Poems (2017), in dem er sich dem Verhältnis von Mensch und Natur widmet. Der Künstler versammelt dafür 14 Skulpturen im Ausstellungsraum, gefertigt aus den Schädeln der grössten Tierarten Europas und ergänzt durch Materialien wie Metall, Holz und Textil.

Durhams skulpturale Assemblagen aus Tierschädeln reflektieren das mitunter klischierte Natur- und Gesellschaftsverständnis seines Publikums und verweisen auf die Möglichkeit einer Aufhebung der vor allem europäischen, klassischen Dichotomien Natur vs. Kultur und Subjekt vs. Objekt.

Vom so genannten vierhörnigen Schaf und dem wilden Eber bis hin zu Braunbär, Elch, toskanischem Maremmaner Bullen und deutscher Dogge: in God’s Children, God’s Poem nutzt Durham Tiere, oder besser gesagt deren Schädel, als Protagonisten seiner eigenen Absichten. Er stellt kulturelle Prinzipien von Klassifikation und Konstruktion – darunter vor allem das Gegensatzpaar Natur und Kultur – in Frage. Dies geschieht, um jegliche kulturell-ethnisch geprägte Formen von Authentizität zu enttarnen.

Jimmie Durham, God’s Children, God’s Poems -exhibition view- Migros Museum für Gegenwartskunst - courtesy of the artist & Kurimanzutto gallery - photo Lorenzo Pusterla

Die Wolfsskulptur trotzt zum Beispiel einer Einordnung als natürlich oder künstlich: der Schädel, der mit schillerndem Autolack eingefärbt ist, thront über einem Körper aus Rohren und Industrieblech. Sogar Durhams Auswahl an Tieren läuft dieser einfachen Trennung entgegen. So nutzt er beispielsweise die Schädel wilder Tiere, die ihr heutiges Dasein Zuchtbestrebungen zu verdanken haben. Als Beispiel sei das Wisent, eine bedrohte europäische Bisonart, genannt. Die Demontage solch strikter Klassifikationsmuster wird mittlerweile in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, darunter in den Kultur- und Tierwissenschaften, im Posthumanistischen und Neu Materialistischen sowie in der Soziologie diskutiert.

Nach Vorstellung des Künstlers spielt Zeitlichkeit in diesem Unterfangen auch eine Rolle. Dadurch, dass er Tieren neue Körper gibt und die Schädel verändert, um eine ihnen eigene Individualität zu erschaffen, strebt er danach, ihnen eine Seele zu geben und sie zurück in die Gegenwart zu bringen. Obwohl diese Bemühungen ein Sehnen nach einer holistischen Weltanschauung, die spirituelle Elemente integriert, hervorrufen, belebt das Ausstellungsprojekt God’s Children, God’s Poems die visionäre Vorstellung der Romantik eines Einklangs mit der Natur nicht wieder. Stattdessen vermeidet es Durham sehr, zweideutige Botschaften zu senden. Er lädt uns ein über die reichhaltige Vielfalt der Natur und die Rolle des Subjekts in ihr nachzudenken.

Jimmie Durham
God’s Children, God’s Poems
Kurator: Heike Munder, Direktor Migros Museum für Gegenwartskunst
Bis 5.11.2017

Migros Museum
für Gegenwartskunst
Zúrich, Schweiz

www.migrosmuseum.ch

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